Femke erwachte mit einem Ruck. Ihr war kalt, bitterkalt. Für einen winzigen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann kam die Erinnerung in heißen Schüben wieder. Der Deich, Levin, das Schiff, das Meer, das Rungholt verschlungen hatte. Langsam hob sie den Kopf.
Der Himmel war grau. Ein seltsamer Dunst, hinter dem irgendwo eine weiße Sonne stand und das Grauen sichtbar machte. Der Wind hatte nachgelassen. Das Wasser zog jetzt träge seewärts durch das gebrochene Land, ohne wirklich zurückzugehen. Das Dach, das sie gerettet hatte, war an einer Ansammlung von Sparren, Bruchholz, Strohballen und anderer Trümmer gestrandet. Femkes Finger waren wund und geschwollen und pochten vor Schmerz. Der Rest ihres Körpers war von der Kälte wie abgestorben.

Sie lebte. Der Gedanke war keine Freude. Sie drehte langsam den Kopf. Wasser. Eine riesige Wasserfläche breitete sich um sie herum aus. Schlick. Trümmer. Ein Fass, das sich langsam drehte. Eine Tür. Balken. Strohballen. Ein Hühnerkorb, leer. Dann etwas Großes, Dunkles, das mit dem Rücken nach oben trieb. Eine Kuh. Femke starrte sie an, bis die Strömung das Tier drehte und ein starres Auge sichtbar wurde. Dann sah sie weg.
Femke versuchte, sich aufzusetzen. Ihr Körper wollte nicht. Er gehörte ihr nur noch halb. Das linke Knie brannte, die Schulter pochte, an der Hüfte saß ein Schmerz, der sie bei jedem Atemzug biss. Ihre Zähne schlugen aufeinander. Sie presste die Kiefer zusammen, aber das Zittern war stärker.
Sie musste vom Dach herunter. Sie brauchte Wärme. Trockene Kleidung. Wasser, das nicht salzig war. Etwas zu essen. Einen Menschen, der ihr sagte, wo sie war. Und sie musste los. Musste die anderen suchen: Rieke, Levin, Tobe, Mutter, Kay. Sie versuchte, die Namen laut auszusprechen. Und konnte es nicht. Wenn sie die Namen aussprach, dann würde sie akzeptieren müssen, dass sie verloren waren. Begraben unter zusammengebrochenen Häusern, erschlagen von einem Balken, ertränkt von einer Welle, fortgerissen in die Nacht.
Das Dach knarrte. Femke kroch zur tieferen Seite und ließ ein Bein hinunter. Sofort schluckte der Schlick ihren Fuß bis über den Knöchel. Das Wasser darüber war kalt genug, um ihr die Luft zu nehmen, obwohl es nicht einmal bis zum Knie reichte. Sie zog das Bein zurück, aber der Schlick hielt ihren Stiefel fest. Nur einen Stiefel. Der andere Fuß war nackt. Sie sah an sich hinunter.
Von ihrem Rock hingen nur noch schwere Fetzen an ihr. Das Hemd war zerrissen und klebte ihr um die Taille. Eine Brust lag frei. Ihre dicke Jacke war fort. Sie erinnerte sich dunkel, wie sie im Wasser daran gerissen hatte, weil das Gewicht sie nach unten zog. Etwas berührte ihren nackten Fuß. Femke schrie auf und riss ihn hoch. Ein Bündel Stoff trieb an der Dachkante entlang. Es war Kleidung. Grobe Hosen. Ein Hemd, grau vor Schlick, vielleicht einmal weiß. Ein Gürtel oder Strick hing daran wie Tang. Die Sachen hatten sich in einem Sparren verhakt. Femke griff danach. Ihre Finger gehorchten kaum. Zweimal rutschte ihr der Stoff weg, dann bekam sie ihn zu fassen. Sie zog das Bündel zu sich herauf und kroch hinter einen höheren Sparren, als könne das Holz sie vor Blicken schützen.
Blicke.
Sie hob den Kopf. Ein Stück entfernt bewegte sich etwas im Schlick. Erst glaubte sie, es sei ein Hund. Dann richtete sich ein Mensch auf. Ein Mann, von Schlamm überzogen, die Haare platt am Schädel, das Gesicht so grau wie der Morgen. Er saß auf den Knien und sah sie an, nein, er starrte sie an.
Seine Augen waren weit offen, und sein Blick kroch über sie. Über ihr zerrissenes Hemd, ihre nackte Haut, ihre Beine, ihren Körper, als sei sie kein Mensch, sondern etwas, das die Flut ihm vor die Knie gespült hatte.
Femke wurde übel. Sie war schwach. Halb erfroren. Verletzt. Ohne Messer. Oder hatte sie ihr Messer noch? Ihre Hand tastete nach der Hüfte. Nichts. Nur nasser Stoff, Haut, Zittern.
Der Mann bewegte sich nicht. Er starrte nur.
Femke wandte sich ab. Nicht hastig. Hastig wäre Angst gewesen, und Angst zog Dinge an. Sie zog die nassen Reste ihres Rocks herunter, so gut es ging, und streifte die fremde Hose über. Der Stoff klebte kalt und nass an ihren Beinen, aber er bedeckte sie. Das Hemd war viel zu groß. Sie zerrte es über den Kopf, band es mit dem Strick um die Taille und setzte sich dann wieder auf.
Der Mann war fort.
Femke blieb eine Weile reglos sitzen und lauschte. Es war still. Viel zu still. Sollten da nicht verzweifelte Hilferufe sein, lautes Klagen, Kinderweinen und Vieh, das in seiner Not schrie? Nichts, die Welt schien leer.
Dann kroch sie vom Dach. Der Schlick nahm sie auf. Jeder Schritt war eine Verhandlung. Der Boden hielt nicht. Er saugte. Er gab nach, wo er fest aussah, und war hart, wo Wasser glänzte. Femke musste sich an Balken, Zäunen, Wurzelwerk und Trümmern weiterziehen. Einmal trat sie auf etwas Weiches, sah hinunter und sah Fell. Sie stolperte weiter, ohne zu wissen, was es gewesen war.
Vor ihr lag eine Warft. Oder was von einer Warft übrig war. Sie erkannte sie nicht. Vielleicht hätte sie sie gestern erkannt. Heute war alles aus seiner Ordnung gerissen. Ein gemauerter Kamin stand allein inmitten von Schutt, aufrecht und unversehrt, als habe das Haus ihn verlassen. Ein Apfelbaum lag mit herausgerissenen Wurzeln quer über einem Stück Mauer. An seinen Ästen hing Stoff. Ein Topf. Ein zerbrochenes Joch.
Und ein Korb. Femke blieb stehen. Der Korb hing schief in den Ästen, mit Wasser und Schlick getränkt. Zuerst war er nur ein Korb. Dann sah sie die Tücher. Die kleinen Hände. Den Mund. Das Kind war festgebunden.
Vielleicht hatte jemand geglaubt, der Korb würde es tragen. Vielleicht hatte eine Mutter ihn in letzter Verzweiflung ins Wasser gesetzt, wie in einer Geschichte, in der ein Kind gerettet wurde, weil Gott eine Hand darunter hielt.
Dünnes Haar klebte über dem Babygesicht. Der Mund stand offen, als schreie er noch. Femke wollte nicht hinsehen. Sie tat es doch.
Sie drehte sich um und erbrach Salzwasser. Danach ging sie weiter.
Der Blick zurück zeigte ihr einen Kirchturm.
Nicht den von Rungholt. Dieser Turm war niedriger, gedrungener, aus dunklem Stein oder Backstein, halb verborgen im grauen Morgen. Die Kirche stand höher als das Land um sie herum. Um sie lag Wasser, aber die Mauern ragten noch. Fremd. Alles war fremd. Femke versuchte, aus Turm, Wind, Wasserzug und Himmel eine Richtung zu machen. Es gelang nicht.
Wo ein Weg sein musste, floss Wasser. Wo ein Graben gewesen sein mochte, zog ein breiter Strom. Wo Warften lagen, standen einzelne Inseln aus Schlamm, Stroh und Mauerresten. Dazwischen bewegten sich Dinge, die nicht schwimmen sollten: eine Wiege, ein Rad, ein Tisch, ein totes Schwein, ein Dachbalken, ein Bündel Wolle, ein Mensch mit dem Gesicht nach unten.
Femke sah nicht mehr genau hin. Sie brauchte Schuhe.
Das wurde plötzlich wichtig. Wichtiger als Rungholt, wichtiger als Levin, wichtiger als Gott. Ein Fuß im Schlick, einer im Stiefel, so konnte sie nicht weit gehen. Der nackte Fuß war längst taub. Taub war gefährlich. Taub bedeutete, dass sie erst später wissen würde, was kaputt war.
Sie erreichte am späten Vormittag ein Gehöft. Es stand auf einer hohen Warft. Das Wasser hatte es erreicht, aber nicht fortgenommen. Die Stalltüren standen offen. Im Eingang lag Stroh, Schlamm, ein zerbrochener Eimer. Keine Tiere. Keine Stimmen. Femke blieb lange vor dem Haus stehen.
»Hallo?«
Ihre Stimme war dünn. Niemand antwortete. Sie ging hinein. Das Wasser hatte kniehoch gestanden. An der Wand blieb eine braune Linie zurück. Alles darunter war umgeworfen, aufgequollen, verdorben. Ein Schemel lag auf der Seite, Schalen waren zerbrochen, eine Bank hatte sich verkeilt.
Oben in einem Wandfach standen Töpfe. Femke starrte sie an. Eingelegtes und gedörrte Früchte.
Ihre Hände begannen zu zittern, schlimmer als vorher. Sie zog einen Topf herunter, bekam den Deckel nicht auf, schlug ihn gegen eine Kante, bis er sprang. Der Geruch von sauren Bohnen stieg auf. Femke griff mit den Fingern hinein und aß, ohne zu kauen. Es schmeckte nach Essig, Erde, Himmel.
Sie aß zu schnell. Ihr Magen krampfte. Sie würgte, zwang sich langsamer zu werden, und aß weiter.
Dann fand sie Kleidung. Nicht viel. In einer Truhe auf einem Brett, das trocken geblieben war. Ein grobes Hemd. Wollstrümpfe. Eine Jacke, zu kurz an den Armen, aber trocken. Ein Paar Stiefel, zu groß. Sie zog alles an. Nasses Zeug darunter, trockenes darüber, was kümmerte es. Die Wärme würde später kommen. Oder nicht.
Sie fand auch einen Beutel, den sie sich über die Schulter hing. Sie nahm einen halben Brotlaib, hart, aber essbar. Ein Messer mit beschädigtem Griff. Eine kleine Holzschale. Einen Feuerstahl, den sie erst beim dritten Hinsehen erkannte.
Bei jedem Stück dachte sie: Das gehört jemandem. Dann dachte sie: Mir, wenn ich leben will.
Sie kletterte auf den Heuboden. Das Heu war feucht an den Rändern, aber weiter oben trocken. Femke kroch hinein wie ein Tier. Dort roch es nach Sommer, Staub und Mäusen. Der Geruch traf sie so unerwartet, dass ihr endlich Tränen kamen.
Sie schlief ein, bevor sie den Brotlaib auch nur zur Hälfte verspeist hatte. Stimmen weckten sie. Männerstimmen. Frauenstimme. Schritte unten im Haus. Eine Tür schlug gegen die Wand.
»Hier war jemand.«
Femke hielt den Atem an.
»Die Schränke!«
»Ich hab es gesagt. Jetzt kommt das Gesindel von überall her. Wir werden uns mit dem Vieh nachts verschanzen müssen. Und wir brauchen Wachen und mehr Waffen.«
Femke richtete sich langsam auf. Das Heu raschelte.
Unten wurde es still.
»Da oben ist jemand.«
Femke kroch zum Rand.
Drei Männer standen unten. Einer mit Heugabel, drohend nach oben gerichtet. Einer mit Messer, einer mit einem Holzknüppel. Neben ihnen stand eine Frau, bleich, mit rotem Rand um die Augen. Alle sahen nach oben.
Femke sah die Heugabeln. Dann den Brotlaib neben ihrer Hand. Dann die Jacke an ihrem Körper.
»Bitte«, sagte sie.
Das Wort kam heiser heraus.
»Bitte, ich brauche Hilfe.«
»Komm herunter«, sagte der Mann mit der Heugabel.
Es war keine Einladung. Femke stieg die Leiter hinunter. Ihre Beine zitterten so sehr, dass sie die Sprossen kaum fand. Als sie unten stand, richteten sich Messer und Gabel auf ihren Bauch.
»Die Kleider kenn ich«, sagte die Frau. Femke sah sie an. Leer vor Erschöpfung.
»Ich war auf See«, sagte Femke. »Wir sind gesunken. Ich hatte fast nichts mehr an, als ich angeschwemmt wurde.«
»Auf See«, sagte einer der Männer. »Natürlich.«
»Ich lüge nicht.«
»Das sagen Lügner.«
Femke hatte keine Kraft für Zorn.
»Dann glaubt mir nicht. Aber lasst mich gehen.«
Der älteste Mann betrachtete sie lange. Er hatte Schlamm bis an die Knie und Ringe unter den Augen, als habe auch er die Nacht nicht auf der Erde verbracht.
»Hör zu, Mädchen«, sagte er schließlich. »So läuft es jetzt. Da draußen sind Hunderte wie du. Ohne Hab und Gut. Ohne nutzbares Land. Schiffbrüchige. Das Meer hat sich alles genommen. Und es wird es nicht wiedergeben. Nicht jetzt, nicht heute, nicht morgen. Ihr könnt hier nicht bleiben. Ihr müsst weiterziehen. Es gibt hier nichts für euch. Kein Essen, keine Kleidung, kein Dach über dem Kopf. Wir können nicht mit euch allen teilen. Geh jetzt einfach.«
Femke nickte. Sie wusste nicht, warum.
»Du kannst hier nicht bleiben«, sagte er. »Nimm, was du an dir hast. Aber dann geh.«
Die Frau machte ein Geräusch. Kein Wort. Nur etwas zwischen Atem und Schmerz.
Der Mann sah sie an. »Mette.«
»Sie geht nicht so.«
»Mette.«
»Unser Junge kommt nicht wieder«, sagte die Frau.
Danach sagte niemand etwas.
Die Frau ging in den Nebenraum. Als sie zurückkam, hielt sie ein Bündel in den Armen. Eine dickere Jacke. Ein paar bessere Strümpfe. Eine Mütze. Ein zweites Messer. Eine kleine Schultertasche. Und Brot.
Sie drückte Femke die Sachen gegen die Brust.
»Mein Sohn hat versucht, das Vieh loszubinden«, sagte sie. »Er kam nicht zurück. Seine Sachen sollten dir passen.«
Femke wollte sagen, dass sie es nicht nehmen könne. Ihre Hände hielten das Bündel aber schon fest.
»Danke«, sagte sie.
Es war zu klein.
»Geh«, sagte die Frau.
Femke ging.
Draußen blieb sie einen Moment in der Tür stehen und erwartete, dass jemand sie zurückrief. Niemand tat es. Hinter ihr schob ein Balken sich vor die Tür.
Femke ging die Warft hinunter. Im Schlick blieb sie stehen und sah auf das Bündel in ihren Armen. Jacke, Mütze, Strümpfe, Messer, Brot. Ihr ganzer Besitz. Sie würde ihn nicht teilen. Sie würde ihn verteidigen, wenn nötig. Der Gedanke war hässlich, erschreckend und warm zugleich. Sie war zu müde, um ihn fortzuschicken.
Sie zog die Jacke an, setzte die Mütze auf und schob das Brot tief in die Tasche. Als ein Mann in einiger Entfernung über den Schlick ging und zu ihr hinübersah, legte sie instinktiv die Hand auf den Taschenriemen.
In diesem Augenblick holte Femke alles ein, was sie bis dahin von sich weggeschoben hatte. Sie hatte ihre Heimat verloren. Ihre Familie. Levin. Das Leben, in dem es Wege gegeben hatte, Namen, Pflichten, ein Morgen. Um sie herum blieben nur Schlick, fremde Gesichter und der süßliche Geruch der Verwesung. Vor ihr lag das Land, das kein Land mehr war. Sie ging weiter. Einfach weiter.
Leseprobe: Dem Meer ist es gleich. Band 1 der Reihe „Meerweh & Gegenwind“
Im Buchhandel und Online. ISBN 978-3-565-79517-8
Wer hat das denn geschrieben?