Gestern Babylon Berlin zu Ende gesehen. Erschreckend aktuell. Die ganze Szenerie – wunderbar gemacht. Die Atmosphäre – genial, Musik – unheimlich, unheimlich gut. Und da war sie wieder. Gleich zweimal: die Litfaßsäule. Ich habe sie seit meiner Kindheit geliebt und in Frankfurt kann man sogar einige neue aufspüren. Im Jahr 1855 stellte der Verleger und Drucker Ernst Litfaß die ersten Säulen in Berlin auf. Sie sollten der wilden Plakatierung an Hauswänden und Bäumen Einhalt gebieten. Und sie etablierten sich schnell als „Zeitung der Straße“ für Kultur, Kino und Veranstaltungen, aber auch für die politische Meinungsmache.
Die 20er Jahre in Deutschland waren eher wild als golden. Kriegsnachwehen, Verbrechen, Gewalt, politische Unruhen, Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit auf der einen Seite. Auf der anderen Seite Glanz, Glamour, Luxus und Prasserei. Alles ist im Fluss: neue Musik, neue Kunst, neue Mode, ungekannte Freiheiten. Und das Medium, das alles das widerspiegelte, weit mehr als viele andere Medien: die Litfaßsäule.
Was konnte man an so einer Litfaßsäule nun alles finden?
Luxuriöses

Fangen wir mit etwas Schönem an: Parfum. O ja, es gab bereits Parfümeure und es wurden jedes Jahr neue Parfums verkauft. Nicht so viele wie heute, aber es gab reichlich Auswahl in den Parfümerien. 1921 wurde Chanel No. 5 auf den Markt gebracht. Gabrielle Chanel wollte ein stilsicheres Komplettpaket kreieren, welches vom Kleid bis zum Hut reichte und das Parfum als „ultimatives und unübertreffliches Accessoire“ inkludiert.
Parfums und Parfumwerbung spielten in dieser Zeit oft mit Elementen des Jugendstils und später mit Art Deco Elementen: Flächige Elemente, geometrische Formen. Oft folgten auch die Flacon einem dieser Stile. Ach übrigens: Die Fotografie war in der Werbung noch nicht so recht angekommen. Schwarzweißfotos in verbesserungswürdiger Qualität eigneten sich nicht für den Rausch, den man in Szene setzen wollte.

Es war die Zeit des Schokoladenbooms. Von 180 Betrieben in 1914 stieg die Anzahl der deutschen Schokoladenmanufakturen auf 350 im Jahr 1925. Fast 2000 Mitarbeiter arbeiteten z.B. bei Mauxion in Saalfeld. Der Luxusboom hielt nicht lange. Bereits Ende der 20er Jahre führten Verdrängungswettbewerb und die Weltwirtschaftskrise zu einem totalen Einbruch der Branche.
Politisches & Soziales

Die Weimarer Republik brachte Aufstände und politische Attentate. Fast 30 Parteien warben um die Gunst der Wähler. Häufig standen dabei die Frauen im Vordergrund, die das Wahlrecht erst 1918 erhalten hatten und häufig noch nie gewählt hatten. Je nach Partei waren die Plakate oft sehr kämpferisch. Das Wahlrecht wurde eher als eine Wahlpflicht hingestellt.
Ich suchte für ein Plakat einen Ansatz aus Sicht der Frauen selbst heraus. Und bediente mich eines ganz neuen Stils, der damals von Künstlern wie Otto Dix oder Georg Grosz vertreten wurde und Neue Sachlichkeit genannt wurde.

Eher altmodisch mutet das Plakat einer karitativen Institution an, das daran erinnert, dass die Waisenhäuser der Stadt voll waren von Kriegswaisen, die verpflegt werden mussten und die praktisch alle unter Unterernährung und Mangelerscheinungen während ihrer Wachstumsphase litten.
Kunst & Kultur

In der jungen Weimarer Republik erreichten vorwiegend Künstler des gemäßigten Expressionismus wie Heckel, Pechstein oder Schmidt Rotluff hohe Anerkennung. Dazu gab es die Entwicklung einer „Neue Sachlichkeit“ genannten Richtung, die als Desillusionierung nach dem 1. Weltkrieg eine Hinwendung zu realitätsnahen, eher emotionslosen Darstellung favorisierte. Dazu gehörten Künstler wie Dix und Grosz. Der Kunstrichtung war nur eine kurze öffentliche Resonanz beschieden: Bereits gegen 1930 mehrten sich die Angriffe seitens der nationalsozialistischen und auch der kommunistischen Partei gegen die Neue Sachlichkeit.

Ein unglaubliches Jahrzehnt für das Kino. 1925 gingen täglich 2 Millionen Menschen ins Kino. Stummfilm Monumente entstanden: Goldrausch mit Charlie Chaplin, Panzerkreuzer Potemkin, Wizard of Oz und das Phantom der Oper, Metropolis. Deutschland war absoluter Vorreiter dieser Entwicklung zum Massenmedium. 1930 gab es bereits 3000 Kinos. In der Weimarer Republik entwickelte sich die UFA nach Hollywood zum zweitgrößten Filmimperium der Welt und vereinte Produktionsstätten, Verleihorganisationen und Lichtspielhäuser in einem Unternehmen.
Diese und mehr Litfaßsäulenplakate aus den 1920ern findet man in diesem Kalender.