Eher für Erwachsene

Hört sich an, als würde ich über Erotik oder Verbrechen sprechen wollen. Mitnichten. Es geht um Märchen. Gestern hörte ich zufällig einen alten Donovan Song über den »Tin Soldier«. Und ich wollte den 25er Beitrag einfach rebloggen. Aber wie das so ist, kam dann doch einiges hinzu.
Hans Christian Andersens Märchen waren nur oberflächlich auch Kindergeschichten. Er kämpfte hart und erfolgreich darum, dass er auf seinem Denkmal, das zu seinen Lebzeiten gesetzt wurde, nicht von Kindern umringt war. Auf einen Schreiber von Kindergeschichten wollte er nicht reduziert werden – und das zu Recht.

Die meisten seiner Märchen richten sich nicht an Kinder, sondern an Erwachsene. Für Kinder ist vieles unverständlich, zumindest in seiner vielschichtigen Bedeutung. Die Geschichten spiegeln Andersens Leben und seine unglücklichen Erfahrungen, seine Sicht auf Gesellschaft und Natur, auf Liebe und Kunst, und mit böser Satire entlarven sie allzu menschliches Verhalten in all seinen Facetten. Seine Märchen sind mit rohen und schmerzhaften Gefühlen durchsetzt, die vor allem durch seine gesellschaftliche und persönliche Ablehnung erzeugt wurden.

Aus: Das hässliche Entlein
Der Kater zum Schwan: „Kannst du einen Buckel machen und schnurren und knistern? Nein? Dann darfst du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute reden!

Wie fragwürdig seine Märchen sein konnten, wenn man sie Kindern vorlas, zeigt sich z. B. in der Geschichte über »Die roten Schuhe«, die in kaum einem Märchenbuch erschienen ist.

Ein Mädchen kann dem einzigen nicht widerstehen, das ihr verboten ist: einem Paar roter Schuhe. Sie zieht sie zum Tanzen an und als der Tanz endet, hören die Schuhe nicht auf, mit ihr zu tanzen. Völlig erschöpft bittet sie schließlich darum, ihr die Füße abzuhacken, bevor die Schuhe sie zu Tode tanzen. Sie endet in einer Kirche: ohne Füße und beim Gebet.

Geboren in tiefster Armut als Sohn eines Schuhmachers und einer alkoholkranken Wäscherin, kämpfte Andersen sein Leben lang um Anerkennung in Künstlerkreisen und in besseren Schichten. Beides blieb ihm lange verwehrt.

Das arme Mädchen traut sich nicht, am Weihnachtsabend nach Hause zu gehen, weil es zu wenig Schwefelhölzer verkauft hat und kein Geld mitbringt. Es schneit und es ist kalt. An eine Mauer gelehnt, zündet sie schließlich eines davon an. In ihrem warmen Licht erlebt sie Wundervolles:
Eine gebratene Gans erscheint ihr und schließlich ihre liebenswerte Großmutter.
Nach dem letzten Zündholz stirbt das Mädchen am Weihnachtsabend in dieser Gasse.

Erste Erfolge im Schriftstellerischen werden von seinen Selbstzweifeln gestoppt. Seine Gestalt und sein Gehabe riefen offensichtlich immer wieder zu übelsten Schmähungen auf. Seine Bisexualität führte zu Verwirrung und Abweisungen. Er kämpfte mit Depressionen und Ängsten: vor Hunden (den Hunden mit den tassengroßen Augen aus dem Märchen »Das Feuerzeug«), vor Bränden (er trug sein Leben lang auf Reisen ein Seil mit sich herum, um sich bei einem Hotelbrand abseilen zu können), vor dem Lebendig-Begrabenwerden. Er war ein Hypochonder und total erfolgsbesessen.

Erst seine vielen Reisen in Europa und in den Orient veränderten ihn. Er war wie neu geboren. In vielen europäischen Ländern fand er Freunde in Künstlerkreisen und Anerkennung für sein Schreiben. Der Orient beeindruckte ihn zutiefst. Erst jetzt begann seine große Schaffensperiode: Allein 168 Märchen schrieb er. Dazu Gedichte und Erzählungen. Es finden sich in den Märchen Elemente des Surrealismus und Freuds Idee vom Unterbewusstsein, weit vor ihrer Zeit. Mit den vielschichtigen Inhalten und seinem kreativen Umgang mit der Sprache veränderte er auch die Literatur seiner Zeit.

So stiegen sie auf den Wagen,
auf Wiedersehen Vater, auf Wiedersehen Mutter!
Die Peitsche knallte, peng, peng, und fort fuhren sie,
hei wie der Wind
!”

Immer wieder spiegeln seine Themen sein Leben und seinen Gemütszustand. Kälte empfindet er angesichts seiner gesellschaftlichen Ablehnung, Kälte empfindet er in der rein rationalen Lehre und dem Puritanismus seiner Zeit. Dafür steht auch die Schneekönigin.

Der kleine Kay hat einen Splitter Eis im Herzen, sodass er im Palast der Schneekönigin nur noch stumpfsinnig versucht, ein Scherbenpuzzle zusammenzusetzen. Gefühle hat er nicht mehr.
Er wird von seiner Freundin gerade noch gerettet.

Gestern hörte ich zufällig Donovans Song, der die Geschichte ziemlich genau widerspiegelt.

Once in a town in the Black Forest
A little white toy shop stood
And the little tin soldier with only one leg
Lived in a castle of wood

And across the room on another shelf
Stood a little glass case
And a tiny ballerina lived in there
All in a dress of land from where the little tin soldier stood
They could see each other so clear
And the little tin soldier watched over her
With a love that was so dear

Then one day sadness came
The tiny ballerina was sold
The little tin soldier was thrown away
And into the gutter he rolled

The water carried him to the sea
And many far-off lands
He made many children happy
As he passed through their tiny hands

And then one day they met again
In a house in the land of Eire
And when the clocks on the wall struck the midnight hour
They jumped into a fire

And in that fire they shall stay
Forever and a day
For the fire, Lord, is the fire of love
Just like the peaceful dove

Der Zinnsoldat hat viele gleichartige Brüder, aber er hat nur ein Bein, weil das Zinn nicht reichte. Er ist aber nicht weniger tapfer. Er verliebt sich in eine aus Papier ausgeschnittene Tänzerin, die mit einer Pailletten-Brosche verziert ist. Sie streckt ein Bein so hoch, dass der Zinnsoldat denkt, sie habe nur ein Bein und glaubt, dass sie deshalb gut zusammen passe. Er muss einige Abenteuer erleben, bis er sie wieder sieht. Am Ende sterben sie zusammen im Feuer.

Die KI-Illustrationen sind bewusst herb gehalten. Sie sind eher kantig, als lieblich und liebenswert. So wie die Märchen es sind.

Den ganzen Kalender zum Anschauen gibt es z. B. hier.

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