
Es gibt zwei Orte, an denen ich am besten denken kann: am Strand und unter der Dusche.
Unter der Dusche denken, ist teuer, aber öfter. Am Strand denken, ist ein kostenloses Topping zum Urlaub, aber eben selten. Mit den „Strandgedanken“ versuche ich, Denkfetzen aufzufangen, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich sie gerade nicht zu Ende denken kann. Das geht mir oft so.
Über Erinnerungen
Die Alten leben von ihren Erinnerungen. Ein Spruch. Den ich immer furchtbar fand. Das ist wie rückwärtsleben. Das ist wie die Vergangenheit aufzehren, um jetzt noch leben zu können. Ich will das Leben, das ich noch habe, nach vorn leben, noch Erinnerungen schaffen.
Wohlgemerkt: Nichts gegen ein nostalgisch seufzendes „Ach, weißt du noch?“, wenn man das alte Kofferradio in der hinteren Schrankecke findet oder sich liebevoll an den Benzinreservehebel beim Käfer erinnert.
Noch finde ich eine Tür, die sich öffnet, wenn sich eine schließt. Für alles, was nicht mehr geht, finde ich etwas, das noch geht und für das ich bisher keine Zeit hatte oder es nicht gesehen habe. Ist es wirklich so, dass man eines Tages so müde ist, dass man nichts mehr tut außer sich zu erinnern?
Das mit den Erinnerungen ist ohnehin ein zweischneidiges Schwert. Da kommen die guten nicht ohne die schlechten daher. Es gibt durchaus Dinge, an die ich mich nicht erinnern will. Wenn ich der Bösewicht war, ist es in den allermeisten Fällen ohnehin zu spät für Wiedergutmachung. Wenn ich verletzt wurde, gibt es keinen Grund, Wunden ausgerechnet jetzt wieder aufzureißen. Es gibt gerade genug Päckchen zu tragen. Und häufig führt Erinnern tatsächlich zu der irrigen Annahme, dass früher alles besser war: dass die Brötchen billiger, die Kriege ferner und man schon in den Hyde Park gehen musste, um seinen ganz persönlichen Schwachsinn zu veröffentlichen. Oder schlimmer: Erinnern führt zu den völlig fruchtlosen „Was wäre wenn“-Fragen. Es gibt allerdings Theorien, die behaupten, dies führe zu einer Art Selbsterkenntnis.
Dazu wäre zu sagen: Wer es einmal an einem einzigen Fall durch Zufall feststellen durfte, der weiß, wie trügerisch Erinnerungen sind. So ist es gar nicht gewesen. Wir schaffen uns unsere Erinnerungen ständig neu. Alles, was wir erinnern, hat uns geprägt. Wir sind das. Wir sind unsere Erinnerungen. Und die Erinnerungen verändern sich mit uns. Manches holt uns in unseren Träumen ein. Und schon wieder ist es so gar nicht gewesen.
Solange sich vor mir Türen öffnen, werde ich nicht so häufig sehen.
Erinnerungsfetzen Nachschlag: Ich arbeite immer noch mit kurzen Ärmeln im Garten. Auf meinem Arm sind Stellen, an denen sich die Haut jetzt ständig abpellt. „Nicht gefährlich“, sagt mein Hautarzt. Die Haut wäre halt einfach aufgebraucht. Ist er nicht süß? Ich muss mir unbedingt jemand Höflicheren suchen …

