Warnung: Wer über Alter und Tod nicht reden oder lesen mag, heute bitte mal die Seite wechseln.
Einmal durchpusten lassen am Meer – das hilft ungemein, sich den Dingen zu stellen, wie sie sind.
Viele aus meiner Bloggerfamilie sind – ebenso wie ich – nicht mehr die neuesten. Neulich schrieb jemand, so hätte er sich das Alter nie vorgestellt. Viele andere kommen nicht umhin, Malaisen zumindest mal zu erwähnen. Typisch auch: „Wie habe ich das früher nur alles geschafft?“ Mein alter Blog hieß „AltwerdenisnixfürWeicheier“. Und genau so ist es.
Eine einzige Scheißherausforderung. Das fängt mit dem Aufstehen an. So anstrengend, dass man sich gleich wieder hinlegen möchte. Dann der Blick in den Spiegel. Spiegel sollten im Bad spätestens ab 70 verboten werden. Falten schminken ist eklig. Lieber ganz lassen. Eine sehr liebe, wenn auch nicht ganz nahe Verwandte trägt auch im Hochsommer leichte Strickjäckchen mit langen Ärmeln. Ihr wisst schon weshalb. Noch vor dem Frühstück die Frage, wie oder womit man heute die Handvoll Tabletten herunterbekommen soll. Und ich bin auch noch ein Fan von Nahrungsergänzungsmitteln – man weiß ja nie. 100 % Glaube steckt nicht dahinter.
Ob man noch 20 Minuten Seniorengymnastik vor dem Arzttermin reinquetschen kann? Aber heute Nachmittag ist ohnehin Physio (das ist jetzt fiktiv, ich gehe nie zur Physio. Und auch nicht mehr ins Studio, weil das meine keine Klimaanlage hatte und ich das im Sommer nicht mehr klarkriege. Das andere Studio hat zwar eine Klimaanlage, aber da man muss die Trainer bezahlen, die immer überraschend hinter einem auftauchen und diese „Sie sollen aber darauf achten, beim Hebeln/Wedeln/Quedeln den Rücken gerade zu halten“ – Nummer abziehen, und du dir das „Nach 50 Jahren Sportstudio weiß ich das auch, du Dödel“ verbeißen musst).
Nun stehe ich hier am Meer. Den steilen Aufstieg an der Dijken Deel haben wir auch dieses Mal noch geschafft. Ich so gerade mal. Die stundenlange Fahrt (wir wechseln jetzt jede Stunde), Übernachtung im winzigen Pensionszimmer in der Heide (drei Hundekörbe rein und raus, nachts um 11.00 Uhr noch mal mit den Hunden), am Autozug gibt es zumindest frischen Kaffee und wir stehen das erst Mal ganz vorn hinter der Lok (witzig), schnell noch etwas einkaufen, der erste Strandspaziergang (beginnendene Erleuchtung und Wiedersehenstränen in den Augen) (warum frisst der kleine Hund ständig Sand, müssen wir uns Sorgen machen?) und nachdem wir alles aus dem Auto aus- (mein Mann) und im Häuschen wieder eingeräumt haben (ich), sitzen wir mit blinden Augen und leicht zitternden Händen auf der Couch und gucken einen Trash Film (irgendwas mit Haien, der ging als erster an) und sind zu müde, uns weiter mit dem Programm auseinanderzusetzen.
Am nächsten Morgen zum Spazierengehen erst einmal Diclox großzügig auf die verschiedensten Körperstellen verteilen, Bandagen anlegen und dann alles mit der schicken neuen Hose bedecken. Es wäre soooo komisch, wenn es nicht soooo wehtäte. Die Sache mit den Strandübergängen: Dijken Deel ist mein heimlicher Maßstab, aber auch die anderen 120-Stufen rauf, 100-runter-Treppen, dann noch ein bisschen Tiefsand… wie lange machen wir das noch? Wie oft steht die Insel noch auf dem Plan?
Das ist wie mit den Fahrradtouren, die immer kürzer werden. Und am Wendepunkt jetzt immer ein Café haben 🙂
Das ist wie mit den Flughäfen, die früher nach Abenteuer rochen, aber jetzt nur noch nach vielen Menschen und vielen Kilometern stinken.
Das ist wie mit der Kocherei, wo früher immer außergewöhnliche und jetzt die „Hauptsache einfach“-Gerichte auf dem Plan stehen.
Das ist wie im Garten oder beim Bäcker stehen und den Namen der Pflanzen und Stückchen nicht mehr wissen.
Das ist wie die Sache mit den Couchkissen, die genau die richtige Dicke haben müssen und exakt an der richtigen Stelle im Rücken platziert werden müssen.
Und dann ist es doch wieder alles gut.





Zumindest für den Moment. Es gibt Chardonnay auf die Schmerztabletten und ganze Nordseescholle (jaaaa, ich weiß, wie die auseinandergeht) mit Nordseekrabben. Und wir sitzen hier in der Sonne, ich und meine Generation, mit der im Umkreis von einem Kilometer alle Tische besetzt sind. Der Wind strubbelt uns durchs nicht vorhandene oder dünner werdende Haar.
Und obwohl Selbstbedienung gilt, auch für Champagner und Austern, bringt das Mädchen hinter der Theke die vollen Gläser auch an den Tisch, wenn sie sieht, dass beim Vorausbezahlen die Hände schon zittern und die Gabel nicht mitwill. Die Krücke der Genießerin ist rosa. Ansonsten dominiert bei den Herren stilsicher die senfgelbe Hose mit blauen Sneakern und Jöppchen.
„Ich wollte mit Handy zahlen“, sagt der vom Nebentisch zu seiner Frau. „Dann hab ich es im Zimmer liegen gelassen. Aber ich hatte ja noch Bargeld.“
Und da denke ich so vor mich hin, dass wir alle zumindest noch wählen dürfen. Und dass wir mit einer spürbaren Mehrheit die sind, die das Schicksal derer bestimmen, die heute nicht hier sein können. Das war immer so, sagt mein Mann.
Wir hatten eine gute Zeit zu fassen. Eine Zeit mit Aufwärts und Vorwärts, mit Frieden und Freiheiten. So viel Freiheit, Neues zu erkunden, die Welt zu erleben, den Luxus, Entscheidungen zu treffen.
Ich beneide sie nicht. Die, die nach uns kommen. Eines Tages werden sie hier sitzen mit schmerzenden Gliedern und vor sich hin tatternd. Und Nordsee-Schollen gibt es dann ohnehin keine mehr.
Das ist auch ein neues Phänomen: dass man darüber philosophiert, wo das noch alles hinführen wird, und plötzlich feststellt, dass das einen nichts mehr angeht. Man wird es sicher nicht erleben. Auch wenn man gesund sterben würde.
Geht das überhaupt? Nur 1,6 % der Menschen sterben an „Altersschwäche“. Über 65 % an Herz-Kreislauf Erkrankungen oder Krebs, gefolgt von Atemwegserkrankungen, Demenz und Suiziden. Oft ist die Reise dahin elend. Die echten Herausforderungen stehen erst bevor. Mit Schmerzen, zunehmender Einsamkeit, mehr oder weniger erfolgreichen Behandlungen in seelenlosen Krankenhäusern, die nicht das Beste wollen, sondern verdienen müssen. Die Angst lässt am Leben klammern. Heilung gibt es nicht, der Körper regeneriert sich nicht mehr. Palliativmedizin ist heute eine Option. Selbst Wale sterben, wenn man sie endlich einmal in Ruhe lässt.
Ich habe als Jugendlicher einen Film gesehen und ihn bis heute nicht vergessen. Erinnert sich jemand? „Soyland Green ist Menschenfleisch!“ Die Menschheit lebt im Elend, offensichtlich wegen Nahrungsmangel. Handlung und Titel sind gerade nicht so wichtig. Da konnte man sich, wenn man es satt hatte, im Elend zu leben, in ein Zentrum begeben. Bekam ein frisches Bett, einen Film über längst verschwundene Schönheiten der Natur und Musik nach Wunsch. Und eine Spritze. Wo sind die guten Lösungen hin verschwunden? Meine Entschuldigungen an dieser Stelle an alle Gläubigen, die an Belohnung durch Leiden glauben. Warum muss ein gutes Leben elend enden?
Soviel dazu, was der Tag Meer anrichten kann. Und dann ist doch wieder alles gut. Für diesen Tag. Und vielleicht den nächsten. Macht aus jedem ein Fest!






alles so wahr…und doch ist jeder Tag manchmal ein toller und so besonderer Tag.
Lasst uns jeden genießen.
ich liebe dich Schwesterchen
Interessantes übers Alter, und auf jeden Fall hat der Himmel ein herrliches Blau!
Zu viel Gegrübel kann auch den schönsten Meeresblick versauen. Es ist, wie es ist, liebe Ola. Jeder will alt werden, ohne alt zu werden. Und ja, unsere Generation hatte es, nach anfänglichen Schwierigkeiten, gut. Wir Menschen sind sterblich, gottseidank, das Sterben ist keine angenehme Angelegenheit, aber ein Ende muss sein. Man stelle sich nur vor, die Alten würden den Planeten nicht mehr räumen wollen, es wäre ein grausiger Anblick. Genießen wir, was uns noch bleibt. Das ist ja nicht wenig! Liebe Grüße!