Auszeit vom Wintergrau

Ziemlich spontan ergab sich eine kleine Auszeit vom Wintergrau, als wir zwei Schwestern feststellten, dass es Jahrzehnte her war, dass wir in Venedig waren. So lange, dass wir uns kaum erinnern konnten. Natürlich waren wir gewarnt, ob der Touristenmassen. Aber so mitten im Winter, knapp vor Karneval, aber nicht mittendrin, haben wir uns dennoch getraut. Und wurden belohnt. Vier trockene Tage, zwei Tage nur Sonne, zwei Tage fast menschenleere Gassen.

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Und es war wieder beeindruckend. Ich kenne einfach keine Stadt, die ich sonst auch nur annähernd als so „schön“ empfinde. Nicht nur Dome, Paläste und Kirchen, vor allem auch all die kleinen Gassen und Brücken (meine Knie haben mir strengstens verboten, so was je wieder zu tun, wir kamen auf täglich 15.000 Schritte), alles getoppt von der unfassbaren Art und Weise, wie in einer solchen Stadt das Leben organisiert wird und der Art und Weise, wie die Italiener tatsächlich täglich das Leben ein wenig feiern können.

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Wir verzichteten auf jegliche Innenbesichtigungen und ließen uns treiben. Wir standen früh auf, wenn nur die Boote und Karren für die Warenlieferungen unterwegs waren und der Dunst noch über den Kanälen hing. Tranken gegen 11.00 Uhr zusammen mit den Jungs von der Stadtreinigung unseren ersten Wein, liefen pflichtschuldig die Lagune entlang, dann zurück zum Schaufensterbummeln bei den Galerien und Maskenmachern. Ein Happen Meeresfrüchte zum Lunch und weiter zum Markt. Dreimal verlaufen und nie die richtige Abbiege gefunden und wieder einen neuen Stadtteil entdeckt.

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Pause in unserem Appartement, das die Ausmaße und Ausstattung eines alten venezianischen Palastes bot, allerdings mit neuem Bad und intakter Heizung. Der Eingang lag in einer kaum schulterbreiten Gasse. All die unglaublich hohen, großen Fenster zeigten allerdings nur wieder andere Fenster, Dächer und Mauern.

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Die schönsten Spaziergänge fingen bei beginnender Dunkelheit an. Jetzt bekam die Kamera etwas zu tun. Die Stadt schien dann leer von Touristen. Nur noch zielstrebig heimlaufende Bewohner, allein die Vaporettos sind voll. Zwei Stunden später sitzen alle in den Restaurants, Bars, Osterias und Trattorias beim Essen. Es sind nur fünf Grad, was niemanden daran hindert, im Freien Espresso oder Wein zu trinken und zu schwatzen. Auch für uns noch einen Teller Pasta und dann über möglichst viele neue Brücken erschöpft wieder heim in unseren Palast.

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Am Samstagabend lief die Stadt plötzlich voll. Schon nachmittags fanden sich überall Gewandete, die Anzahl maskierter Menschen stieg minütlich an. Vielleicht hatte ich mich im Datum vertan. Einen Platz im Restaurant gab es kurzfristig nirgendwo, ob mit oder ohne Reservierung. Macht aber nichts, es wurde so lange Prosecco auf der Straße serviert, bis man äußerst beschwingt Platz nehmen konnte.

Den Karnevalsbeginn am Sonntag hatte ich nicht auf dem Schirm. Vor dem Anlegesteg unseres Wassertaxis tummelten sich zehntausende von Menschen. Ich wurde fast noch verhaftet, als ich samt Gepäck ungraziös durch eine Absperrung kletterte, um auf den nassen Holzsteg zu gelangen, der dem Hochwasser geschuldet, praktisch schon unter Wasser war. Auch dem Hochwasser geschuldet war der Höhenunterschied zwischen Steg und Bootsrand, so etwa einen Meter, nicht gerade meine liebste Stufenhöhe. Dazu ein Abstand von gut fünfzig Zentimetern zwischen Steg und Boot und leichter Wellengang durch all die Karnevalsboote und -gondeln, die den Canale Grande fast blockierten. Leichte Panikattacke. Hat bestimmt nicht besonders gut ausgesehen.

Aber wir kamen heil am Flughafen an. Unvergessliche vier Tage. Bin froh, dass wir es noch einmal gewagt haben. Soviel Farbe und Freude mitten in unserem grauen, neblig-kalten, glatten Winter.

5 Gedanken zu „Auszeit vom Wintergrau

  1. Eine interessante und eine wundervollen Auswahl an Bildern die du von Venedig gemacht hast sie gefallen mir sehr.
    Besonders mag das 3te, 5te und 8te, beim 5ten das siehst aus als würde es gemalt sein.
    Viele Grüße Robert

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