Die Insel: der Windawisch

„Mam, Mam“, etwas zupft beharrlich an Neves Ärmel. Neve öffnet ein Auge. Im fahlen Licht eines sehr frühen Tages stehen da Katy und Ben, beide nach Salz und Tang duftend, und sie bringen einen Schwall kalter Luft ins Haus. „Jemand hat das Trockengestänge umgeworfen“ erklärt Katy wichtig. Neve runzelt die Stirn. Es ist windstill draußen und das Gerüst zum Trocknen von Fisch solide gebaut. „Wie wäre es erstmal mit Frühstück? Die beide trotten ihr in die Küche hinterher.

Irgend etwas hatte das Gestell umgeworfen. Und das mitsamt des Netzes, das zum Schutz vor Möwen darüber gespannt war. Es sieht aus, als wäre einfach jemand dagegen gerannt. Der Verlust ist nicht groß, nur einige Fische von Pals gestrigem Angelausflug. Die meisten kann sie retten, ein paar sahen aus, als wären sie angehackt oder sogar angebissen worden. Es gibt hier aber kein Getier außer ein paar durch Callums Fallen verschreckte Kaninchen. Zumindest nicht, so weit Neve es weiß und erst recht schon gar nichts, das sich ins Dorf hinab wagen würde. Und Oke hat sich bisher noch nie am Stockfisch vergriffen. Sie räumen alles auf.

Am nächsten Tag beklagt Lisbeth sich über eine umgeworfene Milchkanne im Hinterhof. Am dritten Tag schien ein Wirbelsturm genau über Callums Feuermulde gefegt zu sein und den schweren Kessel umgeworfen zu haben.

Und immer sind die Kinder die Entdecker der Missetaten. Sie setzen sich Abends in der Kirche zusammen. Die Kinder erkennen deutlich die Wolke namens Unheil, die über ihnen schwebt. Sie rücken dichter zusammen. „Also was ist hier los?“, fragt der Pastor. „Ihr wisst genau, wie wertvoll unsere Lebensmittel sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr das alles angerichtet habt. Aber irgend etwas wisst ihr darüber…“ Die Kinder sehen sich an. „Der Windawisch“, sagt schließlich Joshua nach einer ganz schön langen Pause. „Der was?“, aus Neves Stimme trieft so viel Missbilligung, dass die Kinder noch mehr zusammen rücken. „Hat mein Papa mir erzählt“, flüstert Joshua. „Den gab es bei ihm Zuhause auch“. „Und wer oder was soll das sein?“ hakt Neve nach. „Einer, der selber nicht weiß, was er ist: Tier oder Geist. Einer der verbannt wurde. Er ist sehr sehr alt. Er tut nichts, solange man ihn nicht stört.“ „Ach so“, folgert Lisbeth. “ Wenn man ihn also stört, wacht er auf und wird hungrig und streift herum auf der Suche nach Nahrung und benimmt sich dabei äußerst ungeschickt.“ Langsam scheint sie Spaß an der Geschichte zu finden. Joshua merkt das gleich: „Aber genau so ist es und du solltest lieber nicht über ihn lachen“ Joshua klingt ein wenig verzweifelt.

Sie beenden das Gespräch an diesem Abend. Irgend etwas ist im Gange, aber heute werden sie darüber nicht mehr erfahren. Alle brauchen ihren Schlaf. Am nächsten Morgen ist eines von Tante Lovelys Hühner tot.

2 Gedanken zu „Die Insel: der Windawisch

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