Die Insel: Tante Lovelys sonderbare Buchbeschaffung

Tante Lovely sammelt Bücher. Aber eben nur ganz bestimmte Bücher. Sie stapelt sie nach Alphabet sortiert (Schriftsteller) an allen Wänden ihres Hauses. An solche Bücher, wie Tante Lovely sie mag, ist gar nicht so einfach zu kommen.

Tante Lovely mag keine Taschenbücher. So billige Dinger, bei denen angeblich nur der Inhalt zählt. Sie mag die richtigen Bücher, die schweren, mit wunderbaren Deckeln und Rücken. Mit Zeichnungen, goldenen Lettern, vielleicht sogar Goldschnitt. Solche mit Lederrücken und geprägten alten Buchstaben. Mit wunderbar gestalteten Lettern. Solche die schwer wiegen und gut riechen. Solche, die machen, dass man sich gut fühlt und Zuhause, wenn man sie in der Hand hat.

Wenn die Nachmittagssonne durch ihr Fenster scheint, dann setzt sie sich in ihren alten Schaukelstuhl vor dem Fenster mit Ausblick auf ein Stück Meer und nimmt ein Buch in die Hand. Manchmal blättert sie darin und liest den ein oder anderen Absatz. Sie hat aber auch schon Bücher ganz gelesen: Das über den kleinen Ausreißerjungen und eines das heißt: Schnaps selber brennen. Eine Anleitung in 7 Schritten. Dafür hat sie aber noch nicht das ganze Zeugs zusammen.

Wenn sie also da so sitzt, dann hat sie das Gefühl, dass die Sonne durch sie hindurch scheint: vorne herein und hinten gleich wieder raus. Sie ist wohl kein so gutes Gefäß für Sonnenstrahlen. Aber das Buch, ooh das wird in der Sonne ganz warm. Es glänzt und die Buchstaben tanzen. Und es ist voller Sonne und Geschichten, die sie zwar nicht kennt, aber besitzt und dann ist alles, wirklich alles möglich.

Nun hat sie fast schon alle leeren Häuser der Insel durchstöbert. Meist haben die Touristen nur Taschenbücher zurück gelassen. Zwei der aussichtsreichsten Häuser hat sie sich aufgespart. Für Weihnachten oder einen anderen depressiven Anfall. Und sie hat Tev Truth, den Dampfschiffkapitän gebeten, bei den Leuten nach solchen Büchern zu fragen und ihm auch etwas Geld mitgegeben. Das hat manchmal schon geklappt.

Es gibt da noch eine Möglichkeit. Der Pastor hat als einziger auf der Insel eine Verbindung zum Rest der Welt. Sein alter Laptop nutzt einen Satelliten, um mit der Welt da draußen zu sprechen. Wenn man da lange gräbt in den Online Läden und bei den Auktionen, da findet sich auch oft was. Nicht so wie vorher natürlich, alles ist viel bescheidener geworden, aber man kann Glück haben. Nur mag sie das nicht: in des Pastors Zimmer sitzen, wo auch sein Bett ist und alle seine Kleider. Es riecht da komisch und der Pastor späht immerzu über ihre Schulter und gibt Kommentare ab und wenn sie dann entnervt aufgibt, muss sie auch noch hübsch Danke sagen, damit sie wieder kommen darf. Nicht dass der Pastor ein übler Kerl ist, aber so nah haben will sie ihn eben nicht.

Also wird sie weiterhin alle vierzehn Tage auf dem Kai stehen mit zwei großen Taschen. Die eine ist für die Lebensmittel und was man sonst noch alles braucht. Die andere ist schon auf dem Weg zum Kai ganz schwer voller Hoffnung.

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