Die Insel: Vorspulen

Die Insel: ein Häuflein von fünf Flüchtlingen, so unterschiedlich wie man es nur sein kann. Nichts als ein Fleckchen Erde suchend, um sich vor dem Grauen zu verstecken. Von der Hand in den Mund lebend. Und schaut sie euch jetzt an: Sie sind alle über sich hinaus gewachsen, gesundet, soweit dies geht, zusammen gewachsen zu einer funktionierenden Gemeinschaft, die in der Lage ist zu wachsen und zu gedeihen. Eine Gemeinschaft, die nicht mehr nur nehmen, sondern jetzt auch geben kann. Viele haben Glück gefunden und Liebe, so viel, dass sie das ausstrahlen und weiter geben können. Sie werden die Angst und das Damals niemals vergessen. Aber umso dankbarer sein für alles, was ihnen geschenkt wurde. Aber dennoch bleiben diese Menschen etwas Besonders. Ein wenig seltsam und winkelig. Das wird immer so bleiben. Vielleicht ist auch irgendetwas auf dieser Insel dafür verantwortlich. Mag sein, dass die Kinder das entdecken werden.

Und da sind sie jetzt: die Kinder. Katy, ebenso still wie ihre Mutter. Ebenso dem Meer verbunden. Sie spricht inzwischen, wenn es unbedingt nötig ist. Und sie ist schlau. Ihre Augen und ihr Verstand sind immer und überall unterwegs, meistens ist sie allen anderen einen Schritt voraus. Das ist verblüffend und manchmal ein wenig unheimlich. Joshua, der jüngste, ist ein Einwandererkind, vielleicht sechs Jahre alt, so schwarz wie Ebenholz, ein Sonnenschein. Er plappert Französisch mit Pal und bewegt sich auf Callums Boot, als hätte er sein Leben lang nichts anders getan. Liam hat seine Eltern begraben. Sie waren beide Lehrer an einer kleinen Schule hoch in den Highlands. Niemand war hier krank bis die Flüchtlinge kamen. Man bot ihnen Platz in den leerstehenden Häusern und versorgte sie. Es dauerte nur ein paar Wochen. Liam und eine noch jüngere Nachbarstochter waren die einzigen Überlebenden. Sie machten sich auf den Weg in die nächstgrößere Stadt und gerieten in die Flüchtlingstrecks gen Meer. Das kleine Mädchen ging verloren. Liam wurde Wochen später von den Nonnen aufgegriffen. Da war er neun.

Wir machen einen Sprung. Katy stromert mit Ben am Strand entlang und besieht sich ernsthaft jeden seiner Funde. Meist ist es etwas Verwesendes. Joshua arbeitet unten am Kai. Mit ernsthafter Miene nimmt er geschickt alle Fische aus, die Pal mit seiner Angel aus dem Wasser zieht. Liam ist aufgeregt. Morgen beginnt die Schule. Die Kirchenbänke wurden umgestellt. Vorne in der Kirche steht nun eine große Tafel anstelle des Altars. Er sortiert die Bücher und verteilt die Testbögen, die morgen dazu dienen sollen, den Wissensstand der Kinder zu erfassen. Und er freut sich auf das Abendessen. Lange hat er nicht mehr so gut gegessen. Und Tante Lovely kommt zu Besuch. Liam findet sie sehr seltsam mit ihren Hüten, die sie praktisch nie absetzt. Manchmal auch nicht im Haus beim Essen. Aber Tante Lovely hat etwas, das Liam unbedingt will. Tante Lovely hat Bücher.

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