Eine Sonntagsgeschichte

Es ist Sonntag. In einem der etwas besseren Vororte von Frankfurt. Der Bäcker hat geöffnet und es stehen etliche Leute an. Mit Jogginghosen und Bomberjacken, mit Daunenjacke und Mütze. Die Mutter bändigt zwei Kinder, die nur halb angezogen aussehen, ein Mann kommt gerade vom Joggen zurück. Kein Spaß bei dem Matschwetter. Er sieht auch nicht aus, als hätte er den gehabt. Ein Hund ist draußen angebunden.

Vorn in der ersten Reihe am Tresen steht ein älterer Herr. Er dreht sich um. Er dürfte über achtzig sein. Elegant mit grauer Hose mit Bügelfalte, Lederschuhen, Lodenmantel in Dunkelblau mit passendem Schal, Weste, Hemd, Krawatte. Eine kleine Tüte mit höchstens zwei Brötchen in der Hand. Er geht langsam und bedächtig zu seinem Auto, einem Mercedes Cabrio. Er steigt ein, wie ich inzwischen auch ins Auto einsteige: Erst setzen, dann behutsam die Beine, eines nach dem anderen, nachziehen.

Bis hierhin ist die Geschichte wahr. Aber ich konnte gar nicht anders, als sie auf der Heimfahrt weiterzuspinnen.

Er hat sich fein gemacht, um zum Bäcker zu gehen. Wie jeden Tag. Er hätte aus dem Schlafanzug in seine Sportkleidung steigen können und in die Adidas-Schuhe, die seine Tochter ihm zu Weihnachten geschenkt hat, damit er es bequem hat. Hat er aber nicht. Er hat lange im Bad verbracht, sich rasiert und seine Kleidung sorgfältig ausgewählt.

Er wird alleine frühstücken. Heute kommt auch keine Zeitung. Er wird also später ein wenig in seinem Tablet blättern. Jeden zweiten Sonntag kommt die Tochter mit Mann zum Kaffeetrinken. Heute ist nicht solch ein Sonntag. Früher, als seine Frau noch lebte, kamen oft auch die Enkel mit. Er liebte diese Nachmittage. Er nahm sie mit in seine Bibliothek und las ihnen vor. Meist Gedichte. Morgenstern, Ringelnatz, später auch mal einen Rilke oder eine Kurzgeschichte von Oscar Wilde. Für sie waren es einfach „Opas Gedichte“. Heute sind die Zwillinge achtzehn und wissen nicht, wer Heine war. Oder Hesse. Oder Dostojewski. Oder gar Hegel. „Sie finden schon ihren Weg, das sind keine Themen fürs Fachabi“, sagt ihre Mutter. Da hat sie sicher recht.

Er ist froh, dass er sich die Bibliothek eingerichtet hat, als sie damals wegen seines Jobs hierherzogen. Der Rest der Wohnung war immer schon die Domäne seiner Frau gewesen. Sie hatten die große Wohnung liebevoll ausgestattet und Stück für Stück um sehr persönliche Kunstwerke ergänzt. Nicht ihres Wertes wegen, sondern weil sie ihnen gefielen. Eine alte chinesische Vase, eine kleine Chagall Grafik, eine Käthe Kollwitz, eine antike Bibelausgabe … Er hatte seine Tochter gefragt, ob es etwas gäbe, das sie später gerne einmal hätte – nach seinem Tod. Sie hatte gemeint, dass eigentlich nichts davon in ihre Wohnung passen würde.

Er war mit Büchern aufgewachsen, viele der Klassiker hatten schon im Hause seines Vaters gestanden. In seinen jungen Jahren war die Bibliothek gewachsen. Nachdem seine Karriere hier begann, blieb dafür nicht viel Zeit und seine Frau war diejenige, die sie Stück für Stück erweiterte. Sie war schon vor Jahren an Krebs gestorben. Jetzt saß er hier in seinem Sessel mit einem Tablet in der Hand. Er fand das Bücherlesen schnell anstrengend, selbst nach seiner Augenoperation.

Sein Sohn hatte ihm zu Weihnachten zwei neue Werke seiner Lieblingsautoren geschickt. Aus Australien. Wo Ben schon seit Jahren Karriere machte. Er hatte keines von ihnen angefangen. In den ersten Jahren seines Ruhestandes war er gerne in die Stadtmitte gefahren, in eine der Buchhandlungen, und hatte es genossen, langsam und sorgfältig sein nächstes Lesevorhaben auszuwählen. Die große Buchhandlung war nun schon seit Jahren geschlossen. In der Nähe der kleineren, die überwiegend Kinderbücher und Reiseführer anzubieten schien, gab es keine Parkplätze, die so nah lagen, dass seine Beine es gut geschafft hätten.

Die Zeitung von gestern war noch auf der Seite aufgeschlagen, auf der die Nolde Ausstellung angekündigt wurde. Die hätte er gerne gesehen. Aber er war schon lange nicht mehr mit seinem Auto durch Frankfurt gefahren. Oder in ein Parkhaus. Das Auto stand eigentlich nur vor der Tür. Gelegentlich fuhr er zu einem Arzt in der Nähe und eben zum Bäcker. Aber das Auto war lange bezahlt und kostete ihn nur wenig. Er hatte sich einen Traum erfüllt, als er den Firmenwagen zurückgegeben hatte. Er und seine Frau hatten es geliebt, bei schönem Wetter langsam durch die Gegend zu fahren, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, sich ein Restaurant zum Mittagessen auszusuchen und die Aussicht zu genießen. Nach ihrem Tod hatte er diese Ausflüge eine Weile fortgesetzt, aber es war alleine nicht dasselbe. Trotzdem mochte er sich von dem Wagen nicht trennen.

Um sich ein wenig zu bewegen, schaut er in der Küche nach, was Marte, die Frau, die sich zweimal wöchentlich um die Wohnung kümmerte und kochte, für diesen Sonntag bereitgestellt hatte. Er mochte es nicht. Früher war er Stammgast beim Italiener um die Ecke gewesen. Die wussten schon immer, was er wollte und wie.

Mimmo, der Wirt, war mit ihm alt geworden, und vor zwei Jahren hatte Luca übernommen. Die Preise schienen ihm jetzt völlig überzogen, das Essen war ihm viel zu fett zubereitet, und als er feststellte, dass Luca so um ihn herumwuselte, weil der den Tisch ein zweites Mal besetzen wollte, war er nicht mehr hingegangen.

Zu seiner Zeit, dachte er, hatten die Brötchen gerade 10 Pfennig gekostet. Damals, als er jung war und er jeden Sonntag Brötchen für die ganze Familie holte.

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