Dieser Beitrag geht gerade um. Muss ihn hier aber doch noch einmal teilen.
Und ja, auch wir haben überlegt, ein paar mehr Gasflaschen zu kaufen: wegen des Terrorismus oder des Stroms oder des Kriegs und weil es vernünftig ist …
Wie wär’s mit leben und das Leben bewältigen, das halt manchmal Zitronen spendiert. Und ne Schneeschippe kaufen (hatten wir schon, bei uns war es ein Hundemäntelchen :-)) )
Zehn Zentimeter Banalität und eine Sozialität kapituliert
Die Tagesschau eröffnet mit dem Wetterbericht. Reporter stehen mit tragischer Miene vor Hauptbahnhöfen und berichten von „Zuständen“. Schuldirektoren verkünden mit tragender Stimme die morgige Schneegefahr per Lautsprecherdurchsage. Die Bahn stellt präventiv den Betrieb ein. Der Bürgermeister hält eine Fernsehansprache. In den Supermärkten werden die Regale mit Hülsenfrüchten und Tütensuppen geplündert. Veranstaltungen werden abgesagt.
In Zürich fahren derweil die S-Bahnen im 5-Minuten-Takt. In Stockholm gehen die Kinder zur Schule. In Wien lachen sie über uns. Dort nennt man das „Winter“. Bei uns heißt es seit gestern „Schneekatastrophe“ und zwar bevor die erste Flocke liegen bleibt.
Das Muster ist immer gleich: Medien prognostizieren den Weltuntergang und rufen Lebensgefahr aus, Institutionen kapitulieren präventiv, es folgt eine possierlich kollektive Hysterie mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten …
Wir reden von Resilienz, Krisenfestigkeit, Wehrfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit. Alle bleiben „zu Hause“. Wir brechen zusammen, weil es schneit. Im Januar. In Norddeutschland. Wir stellen uns an wie Mimosen bei Dingen, mit denen unsere Eltern mühelos umgegangen sind.
Diese Mischung aus präventiver Hysterie und administrativer Lähmung findet man so nirgendwo sonst. Während andere Nationen pragmatisch mit dem Unplanbaren umgehen, haben wir jede Eventualität verrechtlicht, verbürokratisiert, in Verordnungen gegossen und sind gerade dadurch handlungsunfähig geworden, sobald die Realität von der Norm abweicht.
Der Philosoph Byung-Chul Han hat unsere Gegenwart treffend als „Palliativgesellschaft“ beschrieben: Eine Gesellschaft, die jedes Risiko und jede Unannehmlichkeit präventiv eliminieren will. Dabei hat man verlernt mit dem Leben selbst umzugehen. Aus Deutschland ist ein einziges großes Risikovermeidungsprogramm mit Vollkaskogarantie geworden. Jede Verantwortung ist delegiert und jede Unwägbarkeit ist wegreguliert: „Sie waren einst eine große und innovationsfreudige Industrienation. Dann kam etwas Unplanbares. Winter.“
Was sagt das über unsere Kollektivseele? Wir sind eine Gesellschaft geworden, die nur noch in zwei Modi existiert: Panik oder Paralyse. Die zwischen Katastrophenalarm und präventiver Kapitulation keine Zwischentöne mehr kennt. Die jede Abweichung vom Plan als existenzielle Bedrohung interpretiert. Normal ist das neue Extrem geworden.
Wir sind nicht wirklich an der „Zeitenwende“ gescheitert, sondern an zehn Zentimetern Schnee …
Prof. Dr. Oliver Errichiello •
Prof Brandsociology/Director
Group Strategy for Brand- and product-development/Director
Innovation/Advisor to the Board/ Consultant
Hochschule Mittweida • University of Hamburg


