Die Insel: das vergessene Tal

Die Kinder mit ihren flinken Beinen erobern die Insel auf eine Art und Weise, zu der die Erwachsenen nie Zeit oder auch nur Interesse gefunden haben. Der fruchtbare Teil der Insel ist klein. Wo die sanften Hänge in schroffes Bergland übergehen, gibt es keine Pfade mehr. Es gibt ein Hochplateau, das nur sehr schwer zu erreichen ist. Von da aus fällt die Insel steil ab ins Meer. Lisbeth ist wohl am weitesten herum gekommen auf ihren Spaziergängen. Es gibt kleine Täler, durch die ein Bächlein mäandert. Und sie hat so manches Fundstück mit gebracht, das davon zeugt, dass es auch weiter oben Menschen und Behausungen gegeben hatte. Aber das ist lange Zeit her.

Die Kinder haben ihr Erkundungsgebiet Stück für Stück erweitert. Sie haben sichere Wege markiert, Steine aus dem Weg geräumt und Unkraut ausgerissen. So kommen sie immer schneller voran. Je schwieriger es ist, desto mehr beflügelt unstillbare Neugier ihr Tun. Heute stellt sie allerdings ein steiler Anstieg vor unlösbare Probleme. Das ist kein Spaziergang mehr. Katy schlägt vor, es aufzugeben. Liam stimmt ihr zu. Nur Joshua bekommt jetzt erst richtig Glanz in den Augen. Für ihn ist das nur eine Herausforderung, die seinen Tag besser macht. „Wir umgehen die Wand“, sagt er, „es muss einen Weg drum herum geben.“ Die beiden anderen lassen sich von seinem Eroberungsgeist anstecken. Sie versuchen auf gleicher Höhe zu bleiben und streifen durch Brennnesseln, Brombeergestrüpp und hartes Buschwerk. Katy markiert besonders große Brombeeransammlungen mit hohen Stöcken, an die sie oben Büschel aus Gras bindet. Joshua findet, sie hält sie nur auf. Überall stoßen sie erneut auf mit Efeu überwucherte steile Felswände. Liam kickt Steine und Katy summt gelangweilt vor sich hin. Plötzlich raschelt es im Gebüsch vor ihnen und während sie noch rückwärts weichen, springt eine zierliche rotbraune Hirschkuh mit einem riesigen Satz den Hang hinunter.

Die Kinder sind sprachlos. Man hat ihnen gesagt, dass hier nichts lebe, das größer wäre als ein Kaninchen oder ein Eichhörnchen. Katys Augen sind riesig. „Oh“, haucht sie, „ist das schön.“ Joshua ist schon mit riesigen Schritten in dem Gebüsch verschwunden, aus dem die Kuh gekommen ist. Als er zurück kommt, glänzen seine Augen: „Das glaubt ihr nie!“ Und schon ist er wieder verschwunden. Katy und Liam folgen ihm. Hinter dem Gebüsch tut sich ein Spalt in der Felswand auf. Ausreichend hoch für einen Menschen und doppelt so breit. Er verengt sich, als sie weiter vordringen, nur um nach ein paar Metern wieder weit aufzumachen. Sie stehen am Fuße einer kleinen Anhöhe. Hier gibt es Bäume, Bäume mit Blättern, Nadelbäume, viel mehr als die Kinder jemals auf der Insel gesehen haben. Sie übertreffen sich darin, in Windgeschwindigkeit die Anhöhe zu erklimmen. Sie kichern, keuchen und stacheln sich gegenseitig an. Aber dann – oben angekommen – schweigen sie ganz still.

Vor ihnen liegt ein kleines, flaches Tal. Zwei Wasserfälle vereinen ihr Wasser zu einem schmalen Fluss, der das Tal durchquert. Den Talboden bedecken wogende Grasebenen, die umgeben sind von grüngoldenen Wäldern und felsigen Geröllhalden. Auf einer der Halden entdeckt Katy mehr Wild. Es ist eine Herde Rotwild, aber das weiß sie natürlich nicht. Hirsche hat sie noch nie gesehen. In den Bäumen zwitschern Vögel, so viele mehr als sie auf ihren Feldern je gesehen haben. Über ihren Köpfen taucht plötzlich eine bekannte Silhouette auf. Oke scheint sich zu freuen, die Kinder zu sehen. Er begrüßt sie mit einem lauten Krächzen. Und diesmal wird es beantwortet. Eine zweite dunkle Gestalt taucht aus dem Himmelsblau auf und schwenkt elegant neben Oke ein. Unten am Flussufer tummeln sich ganze Kaninchenfamilien völlig unbesorgt. „Callum würde verrückt werden“, murmelt Joshua. „Aber du wirst es ihm doch nicht sagen?“ Katy macht sich Sorgen. Was würden die Erwachsenen mit dieser Entdeckung anfangen? Sie beschließen, es erst einmal für sich behalten. Zumindest bis sie mehr davon entdeckt haben. So machen sie sich mit ihren zerkratzen Beinen auf den Rückweg. Und einen Riesenhunger haben sie jetzt auch.

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