Honi soit qui mal y pense oder Languste am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

11.00 Uhr. Ein Dienstag. Oder ist es vielleicht doch Mittwoch? Egal. Wir haben das graue Strandwetter am Ellenbogen gegen das warme Rot der Hafenbar von Gosch am Lister Hafen getauscht. Ein Lieblingsort. Am Ecktisch hinter der Bar, die eigentlich ein ganzes Schiff ist, das hier auf Grund gelaufen ist.

Acht Minuten dauert es, bis meine halbe Languste vom Grill abholbereit ist. „Nun komm schon, junge Dame, die beißt nicht mehr“ feuert mich der Obergriller hinter der Theke an, als ich nicht zielstrebig nach dem richtigen Teller greife. Das Hamburger, hier natürlich Sylter Du, ist hier überall obligatorisch. Den Prosecco zur Languste hat mein Liebster bereit organisiert. Nicht dass mich neidvolle Blicke begleiten. Rundum segeln Garnelen, Fischfilets, Fischfrikadellen und Gourmet Fischfrühstückshäppchen samt Knofibrot und Bratkartoffeln auf hocherhobenen Händen auf ihren fischgeformten Tellern durch die Gänge.

Wir waren früh. Jetzt füllt sich die große Halle, die in unüberschaubar viele Restaurantbereiche aufgeteilt ist, schnell mit Publikum. Wohl auch dem Platzregen geschuldet, der draußen gerade von Sturmböen getrieben nieder geht und buntbemützte Gestalten vor sich her treibt. Alles sucht Schutz.

Typisch Sylt: Sekunden nach dem Regen ist die Plaza am Hafen wieder voll von Menschen, KInder sind blitzschnell wieder beim Bungeejumpen, Hunde beim Peemails lesen an den Strandkörben. In der Hafenbar herrscht jetzt Hochbetrieb. Sieht man sich um, sollte man glauben, es morgens um 11.00 mit einer Horde schwerer Alkoholiker zu tun zu haben. Die meisten der grauhaarigen Ladys aus dem Aschaffenburger Bus halten es mit Aperol Spritz. Ansonsten überwiegt auf der weiblichen Seite Weißwein, Grauburgunder oder Gosch Cuvee oder so. Auf dem männlichen Seite natürlich Bier. Flens geht gut, aber auch internationales, also was von außerhalb SH.

Der alte Gosch, so um die 80 Jahre jung, schlendert mit rotem Mützchen durch die Hallen, ab und zu huldvoll winkend wie der Papst und einige Auserwähle mit persönlichen Worten beglückend. Unter den Heizstrahlern verändert sich die Temperatur meiner nassen Hose langsam von Kühlschrank auf Badewannentemperatur. Tut gut. Immerhin haben wir schon einen regennassen Strandspaziergang hinter uns. Viele sind nicht mit dabei gewesen wie man sieht.

Strandbild mit all meinem Liebsten

Der Kerl am Schiffstresen vor mir ganz in Schwarz (graumeliert, kurze Wuschelwellen mit einem Hauch von Gel, schwarzer Troyer aus Cashmere, schmale Stoffhose weich fallend, braune Lederschuhe knöchelhoch, die bestimmt noch nie nassen Sand gesehen haben – mit ziemlicher Sicherheit ein alternder Hamburger Kreativer) also den, den habe ich am Strand nicht gesehen. Ich hätte nicht hinsehen brauchen, um zu sagen, dass seine Alterszeichen-noch-knapp-erfolgreich-überschminkte Begleiterin einen schlichten blonden Pferdeschwanz trägt und dazu viel Dunkelblau. Irgendwie immer noch die Uniform des Hamburger (Möchtegern) Adels. Das hat sich seit meiner Schulzeit nicht geändert. Offensichtlich war diese Farbe bei den Michelin Männchen Jacken, die hier praktisch alle, wirklich alle tragen, wohl ausverkauft, so dass sich ein dankenswert buntes, vergnügliches Bild bietet. Ach dürfte man in Deutschland doch Menschen fotografieren – ich würde hier den ganzen Tag nicht mehr rauskommen.

Aber zurück zum Grauburgunder. Nein, ich bin mir ganz sicher, dass fast alle hier nicht täglich um 11.00 über die Flasche herfallen. Aber das hier ist Sylt. Hier ist Urlaub. Hier ist Wetter. Hier ist „es sich gut gehen lassen“. Hier ist Seele baumeln lassen. Und zu viel Geld ausgeben. Hier ist unvernünftig sein. Und trunken: vor Meer, vor Glück, vor Wein. Hier ist für ein paar Tage dieses ganze Jahr einmal vergessen.

Klar, das ist auch eine Ballermann Variante auf etwas anderem Anspruchslevel. Aber wenigstens mit Maske. Wenn auch mit einer verschärften Zusammenrottung der Risikogruppe. Ach ehrlich, wenn ich hier so vor mich hinschreibe: Diese Pandemie ist zum Kotzen. Das Schlimmste ist, sie ist weit davon entfernt zu Ende zu gehen. Ich würde so gerne … ach so vieles… Wenigstens dürfen wir auf die Insel. Und Fisch mit Maske essen.

Und ich fürchte, wir werden uns hier wieder sehen. Nächstes Jahr. Mit Maske und Abstand. Mit mehr Frust. Und mehr Verlangen nach den guten Dingen hier, die uns für den Rest des Jahres entschädigen sollen.

6 Gedanken zu „Honi soit qui mal y pense oder Languste am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

  1. Deine Beschreibung trifft wohl auf viele Orte auf Nord- und Ostsee zu. Immer mehr chichi. Ich habe am Ellenbogen in der Pension gewohnt, im November, schöner geht kaum. Absolute Ruhe, Einsamkeit am Strand, das Meeresrauschen die ganze Nacht. Wunderschön. Aber auch die andere Seite von Sylt kennengelernt. Gosch, Sansibar und andere schicke Lokale. Essen lecker, Publikum na ja.

    LG, Conny

    1. Ich mag beide Seiten von Sylt. Wir haben drei Hunde dabei und lieben die Strände vor allem im Winter. Man kann sich den Urlaub dort ja basteln, wie man will. Wir bleiben auch viel im Ferienhaus und kochen uns was. Aber einmal Gosch List muss einfach sein. Da war ich schon, als es echt noch eine Bude war und die Schiffe noch „Butterfahrten “ machten. Und wenn du Jahre in der Hamburger Agenturszene verbracht hast, dann ist Chichi geradezu nostalgisch 🙂

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