Ich habe in der letzten Zeit ein paar Kurzgeschichten geschrieben. Zu meinem Lieblingsthema Meer, Insel, Küste, Mythen und Sagen. Fast alle spielten in einer Fantasiewelt. Und dann habe ich mich an ein Thema getraut, zu dem ich schon lange etwas schreiben wollte: Rungholt.
Damit landen wir nun im Mittelalter. Und das auch noch in einer untergegangenen Welt. Die Uthlande, die damals, so um 1350, vor der Nordseeküste lagen, gibt es nicht mehr. In mehreren großen Fluten 1362 und 1634 hat das Meer sich alles, bis auf ein paar Inseln zurückgeholt. Aus dieser Zeit gibt es ziemlich genau 6 Dokumente, die die Existenz überhaupt dokumentieren. Es gibt keine Unterlagen, keine Bilder, keine Beschreibungen, wie die Menschen dort überhaupt gelebt haben. Es gibt einige Vermutungen, die sich die verschiedenen Wissenschaftler gerne um die Ohren hauen. Besonders wenn es um Rungholt geht. Alles, was wir glauben zu wissen, ist weit nach Rungholts Untergang erzählt worden: von Dichtern, von Wissenschaftlern, von Geschichtenschreibern. Es sind ganze Bücher geschrieben worden über dieses Nichtwissen. 2023 fand man dann die Fundamente der Hauptkirche von Rungholt und bis 2025 fast 19 Warften, die zum Ort gehörten. So war es keine Frage mehr, ob Rungholt existiert hatte, sondern nur, wie.
Wenn man anfängt, eine historische Geschichte zu schreiben mit lebenden, handelnden Personen, dann purzeln also die Fragen in Massen: Wovon lebten die Menschen? In welchen Häusern? Was aßen sie? Konnten sie lesen und schreiben? Gab es Papier? Bücher? Wie reisten sie? Gab es Geld? Wie sahen die Schiffe aus? Und wie weit kam man damit? Häfen und Handel? Religion? Landwirtschaft? Fischerei? Kleidung? Herrschaftsverhältnisse? Deichbau? Sprache?
Die Recherche für die Geschichte hat mir ebensoviel Spaß gemacht wie die Geschichte selbst zu schreiben. Und ich weiß plötzlich so viele wirklich wichtige Sachen über das Mittelalter und die Uthlande. Fragt meinen Mann, der musste ich das alles anhören.
Diese Geschichte beginnt kurz vor der Marcellusflut, der „Groten Mandränke“ von 1362. Auch das Datum wurde sozusagen nachträglich aufgrund von logischen Schlussfolgerungen bestimmt. Es war der 16. Januar 1362.
Meine Geschichte beantwortet viele der oben gestellten Fragen. So korrekt und wahr, wie es nur geht. Schriftstellerische Freiheiten sind natürlich erlaubt. So läuft meine Flut nicht im Januar auf. Ich benötigte für die Story einige Überlebende. Januar – Nordseewasser? Da hat es wohl kaum welche gegeben. Es gab schon genug Tod. Die Schätzungen liegen bei 4000 bis 10.000 Menschen und bei 10.000 bis 100.000 Stück Vieh. Solche Aussagen bestätigen schlicht das Nichtwissen um diese Zeit.
Wenn ihr Lust habt, taucht also mit mir ein in das außergewöhnliche Leben der Femke aus Rungholt. Die Geschichte kommt in drei Teilen. Und sie ist tatsächlich so oder halt so ähnlich geschehen.
Intro:
Manchmal wurden solche Kinder geboren. Mit drei Fragezeichen im Kopf und einer Neugier so groß, dass sie alles hinwegfegte, was ihnen im Weg stand. Und einer solch unerschütterlichen Lust am Leben, dass für sie keine Regeln galten. Es war kein guter Zeitpunkt und Ort für ein solches Kind geboren zu werden. Aber wann würde es den jemals geben?
Dabei hatte Femke noch Glück. Sie war anders aufgewachsen als die meisten Kinder in Rungholt. Sie gehörte zu den wenigen, die zwischen Koggen, Seeleuten, Hafenschänken und Lagerhäusern ihre Spiele trieben. Hier am Sielhafen gab es nur wenige Wohnhäuser. Auf den Warften standen einfache Fischerhütten, Lagergebäude, die Taverne und die wenigen Wohnhäuser des Hafenverwalters, des Lagerverwalters und des Deichgängers. Ein verrückter Reeder hatte sich auf einer Warft ein Haus aus eingeschifftem Stein samt Aussichtsturm gebaut, um seine Koggen bei Ein- und Ausfahrt beobachten zu können. Es gab einen kleinen Markt, auf dem die Seeleute allerlei Kleinzeug aus ihrer Heimat anboten, abseits der offiziellen Fracht. Die Kapitäne und Handelsleute drückten bei solchen Geschäften meist ein Auge zu. Es hob die Laune auf allen Seiten.
Vom Hafen führte nur eine einzige befestigte Straße nach Rungholt hinein. Hier leben die Reeder, die Landwirte, die Kaufleute, die Handwerker. Ihr Reichtum hatte geholfen, der Stadt eine beeindruckende Kirche aus Stein zu erbauen, Priester und Mönche bestimmten in vielen Bereichen das Leben der Stadt. Sie führten die Schule, das einfache Hospital und wachten streng über die Einhaltung der über 100 Feiertage und aller anderen religiösen Regeln. Über 60 Warften mit Häusern gehörten zum Stadtgebiet. Rungholt war reich. Vielleicht das reichste Kirchspiel der Edomsharde. Das Land war fruchtbar und die Bauern brachten weit mehr Ernte ein, als die Bevölkerung verbrauchte. Das weiße Gold, das aus dem Torf gewonnene Salz, war ein wertvolles Gut. Die Schiffe verließen Rungholt voll mit Wolle, Pökelfleisch, Salz, Getreide und lebendem Vieh. Im Gegenzug landeten Steine und Bauholz, aber auch allerlei Haushaltsgegenstände und Zierrat im Sielhafen an. Die Koggen kamen aus dem Norden und Süden, aus den großen Hafenstädten und aus den seefernen Regionen mit Gütern, die über die Flüsse ihren Weg fanden.
Der Rungholter Sielhafen war eine eigene Welt. Abseits des Schattens der großen Steinkirche und befeuert von den unterschiedlichen und ständig wechselnden Schiffsbesatzungen lief das Leben hier anders. Lockerer, mit weniger Regeln. Ständig geschah Unvorhersehbares. Spontanität und gute Ideen waren gefragt.
Femkes Vater war der Deichgänger. Er kontrollierte täglich die Deiche vor Rungholts Küste und die Sielanlagen. Sein Bericht ging an einen Amtmann in der Stadt, der in größeren Abständen den zuständigen Fürsten informierte. Femke und ihre Geschwister gingen in die Schule der Stadt. Gelegentlich. Wenn das Wetter gut genug war und niemand sonst aus der Familie etwas für sie zu tun hatte. Femke mochte die Schule. Aber noch lieber war sie mit ihrem Vater unterwegs. Sie kannte die Deiche und die Hafenanlagen so gut wie er. Sie kannte das Meer und seine Gezeiten und seine Bewohner. Sie wuchs auf mit den Fischern und ihren Familien und konnte mit den Netzen und Segeln der Boote umgehen. Lesen und Schreiben lernte sie zusammen mit den Kindern der Lagerverwalter anhand von Rechnungen und Verträgen. Ihre Mutter führte die Hafenschänke, und während sie in der Küche half und bediente, lernte sie, die Welt durch Seemannsaugen zu sehen, und sie lauschte den Liedern und den Geschichten vom Meer. Das Meer war ihr Freund. Geheimnisvoll wie es war, diente es doch den Menschen gut, trug ihre Schiffe und beschenkte sie mit einem guten Fang. Es war wichtig, ihm den gebührenden Respekt zu zollen. Diese Meinung teilte sie mit den Fischern und Seeleuten.
Die Bürger der ein Stück landeinwärts liegenden Stadt hatten ein anderes Verhältnis zum Meer. Obwohl die Schifffahrt für sie der Sockel ihres wirtschaftlichen Wohlergehens war, fürchteten viele das Meer und schenkten ihm möglichst wenig Beachtung. Fisch und Meeresfrüchte wurden kaum gegessen, außer natürlich an den Fastentagen. Wohl nur sehr wenige Bürger hatten je den Fuß auf ein Schiff gesetzt oder waren in einem Boot gerudert. Für sie war das Meer das Monster, mit dem sie um ihr Land kämpfen mussten. Ihre Geschichten über tiefe Gewässer handelten von Dämonen und Ungeheuern, während die Erzählungen der Seeleute von Seejungfrauen und Klabautermännern fabulierten.

Femkes Familie lebte in einem einfachen Wohnhaus auf einer Warft. Immerhin besaß ihr Haus ein Holzgerüst, gefüllt mit Plaggen, Torfbatzen, und einem Dach aus Reet. Das große Feuer in der Mitte der Halle brannte Tag und Nacht. Es war auch in den feuchten Wintern die einzige Wärmequelle. Und diese Wärme durften in der kalten Jahreszeit auch die zwei Ziegen und drei Hühner teilen, die der Familie gehörten. Es war nicht viel, aber sie hatten ein Auskommen. Und Femke und ihre Geschwister, die zwei Jahre jüngeren Zwillinge Kay und Rieke, liebten den Sielhafen und seine ständige Geschäftigkeit. Ihre Eltern unterstützten die Selbstständigkeit und Neugier der Kinder, brachten ihnen aber sehr wohl bei, sich in der Gegenwart der Stadtbewohner zu zügeln und brave Kinder zu sein, die wussten, wo ihr Platz war.
Femke wäre zu gerne ein Junge gewesen. Für Mädchen gab es viel mehr Regeln. Dann hätte sie Seefahrer werden können oder Kapitän oder ein Krieger und Kämpfer oder ein Eroberer oder ein Fischer. Für den Anfang wäre Fischer schon ganz gut gewesen. Als sie klein war, hatten die Fischer sie gerne mitgenommen, wenn sie hinaus segelten zum Fang. Und während sie sie zum Spaß mal an den Fallen ziehen ließen beim Segelsetzen, lernte das kleine Mädchen still und heimlich, wie man die wendigen und hochseetauglichen Boote segelte, die für den Fischfang eingesetzt wurden. Als sie älter wurde, fanden die Fischer es plötzlich nicht mehr „richtig“ sie an Bord zu nehmen.
Es war das Jahr, in dem Femke sechzehn wurde, und nach Meinung ihrer Eltern wurde es höchste Zeit, sich nach einem Ehemann für sie umzusehen. Femke hatte daran keinerlei Interesse. Für Femke bedeutete eine Heirat das Ende ihrer Freiheit, das Ende ihres Tatendrangs. Sie versuchte, ihrer Mutter in Haus und Schenke möglichst viel abzunehmen, um sich unentbehrlich zu machen. Aber da war mit Mutter nicht zu reden. Ihr Ehemann würde aus der Stadt kommen. Ihr Wissen über das Meer würde ihr nichts nützen, aber sie konnte lesen und schreiben und ein Haus führen. Femke war groß und kräftig, von gefälliger Gestalt, aber eben nicht zierlich oder anmutig. Sie schnitt sich ihr braunes, dichtes Haar kinnkurz, wie auch ein Mann es tun würde. Auch so ein Streitpunkt zwischen ihr und ihrer Mutter. Sie mochte einem der größeren Landwirte von Nutzen sein oder dem zweiten oder dritten Sohn eines Kaufmanns. Es gab Heiratsvermittlerinnen in der Stadt, die jeden kannten, der passen könnte. Aber noch ehe Femke weiter darüber nachdenken konnte, wie sie eine Heirat abwenden könnte, wandte sich das Schicksal gegen die Menschen mit all ihren Plänen. Eine Pestwelle überzog das Land im Norden mit Tod und Chaos. Der Pest auf dem Fuße folgten wirtschaftlicher Zusammenbruch, das Auseinanderbrechen gut funktionierender Gemeinschaften, Misstrauen und Hetze, Hunger und Verzweiflung. Wer überlebte, verließ oft die Gegend, sodass ganze Kirchspiele zur Wüstung wurden.
Obwohl man sagte, dass die Krankheit sich über die Schiffe verbreitete, blieben die Menschen des Sielhafens lange verschont. Die Koggen hatten den Hafen verlassen, der Handel war eingestellt worden. Die Lebensmittel, die sich noch in den Lagerhäusern befunden hatten, waren zurückgebracht worden in die Stadt, wo man sie dringend benötigte. Die Ernte war zum Stillstand gekommen, da es nicht mehr genügend Hände für die Arbeit gab. Feuer brachen aus. Die Kirche erlitt großen Schaden durch einen Brand, der wahrscheinlich gelegt worden war. Die Mönche und Helfer im Hospital, die sich zu Beginn hingebungsvoll um die Kranken gekümmert hatten, fielen nun selbst der Pest zum Opfer. In der Stadt wütete der Tod. Niemand wusste, was zu tun war. Jeder misstraute dem anderen.
Als dann nach etlichen Monaten weniger Menschen krank wurden und man vorsichtig wieder Kontakte aufnahm, kam der Tod schließlich auch in den Sielhafen. Innerhalb kurzer Zeit erkrankten zwölf Menschen, darunter die beiden Männer in Femkes Familie, ihr Vater und ihr Bruder Kay. Ihr Vater starb einen schnellen Tod. Ihr Bruder quälte sich lange und überlebte, geschwächt und in düsterer Stimmung.
Einige Wochen später wurde die Hafenschänke wieder eröffnet. Das Leben hatte keine Geduld mit den Überlebenden. Es wollte weitergehen. Neue Koggen voller Ladung legten an. Die Rungholter konzentrierten sich auf ihr wertvollstes Handelsgut: das weiße Gold, das Salz, das aus dem Torf und den Mooren in einem komplizierten Verfahren gewonnen wurde.

Dann, eines Tages, kam der Amtmann in die Hafenschänke. Offiziell war jetzt der nun 17-jährige Kay das Oberhaupt der Familie. Nur lag der in der Kate am Feuer und war praktisch nicht ansprechbar. Rieke kümmerte sich um den Haushalt, Femke und ihre Mutter um die Hafenschänke, die zurzeit ihre einzige Einnahmequelle war. Ob die Mutter jemanden wüsste, der künftig den Deich begehen könne? Es wäre nach all den Monaten extrem dringend, die Anlagen zu überprüfen! Alle Hafenleute wussten, wie wichtig diese Aufgabe war. Aber sie erforderte Kenntnisse über Deichbau und die Sielanlagen und am besten ein Wissen darüber, wie der Zustand früher war und was sich verändert hatte. Der Amtmann hatte weit und breit niemanden gefunden und man würde ihnen auch niemanden schicken, da es überall zu wenig Leute gab. Femkes Mutter dachte kurz nach und entschied sich: „Schick Femke! Sie weiß alles, was ihr Vater wusste, und vielleicht mehr.“ „Sie ist eine Frau. Das kann ich nicht machen.“ „Muss ja keiner wissen. Sie hat die Statur ihres Vaters. Wir geben ihr seine Kleider. Ihr Haar trägt sie ohnehin wie ein Mann und eine Schiffermütze wird den größten Teil ihres Gesichtes verbergen. Schreib ins Buch, es wäre Kay. Du wirst sie nicht mehr missen wollen, wenn du ihren ersten Bericht gelesen hast. Die Hafenleute, die sie erkennen, werden dichthalten. Sie wissen, was Femke draufhat.“
So kam Femke zu einem Job, von dem sie nie zu träumen gewagt hätte. Und konnte ihre Familie ernähren. Das Versteckspiel störte sie nicht. Ihre Freunde wussten, was lief. Eine Hochzeit wurde nie wieder erwähnt. Die Pest hatte das Leben in vieler Hinsicht verändert. Und ihre sorgsam aufgesetzten Berichte unterschrieb sie stets mit dem Namen ihres Bruders.
Weniger erfreulich war der Inhalt dieser Berichte. Sowohl an der Deichkrone als auch an etlichen Stellen am Deichgrund musste dringend nachgebessert werden. Und zwar vor der nächsten großen Flut. Femke bat den Amtsherrn, dringend Material und Leute zu schicken. Normalerweise wurden die Landeigner selbst zu solchen Arbeiten herangezogen oder sie stellten Leute dafür ab. Momentan war jede Hand in der Salzgewinnung beschäftigt. Landbesitzern wie Händlern gefiel es nicht im Geringsten, sich jetzt um den Deich kümmern zu müssen. Aber es würde geschehen. Die Frage war, wann.
Femke saß mit gekreuzten Beinen auf dem Sockel des großen Lagerhauses und schrieb mit ihrer akribischen Schrift einen im Ton sehr unangemessenen Bericht an den für den Deich zuständigen Amtmann. Sie hatte erst vorgestern keine 200 Meter vom Hafen entfernt eine riesige, neue Ausspülung in der Deichbehme entdeckt. Gestern war dann zwar Gestrüpp, aber kein Sand angeliefert worden. Ganz zu schweigen von Arbeitern. Femke steckte die Nase in den Wind. Er hatte auf Nordwest gedreht. Mit der nächsten Flut konnte es schweres Wetter geben. Sie machte sich ernsthaft Sorgen um den Deich. Plötzlich regte sich etwas im Hafen. Femke sah Leute ihre Arbeit niederlegen, und als sie sich umdrehte, entdeckte sie den verrückten Reeder auf seinem Turm, der – ganz untypisch für ihn – winkte und rief und mit dem Zeigefinger auf den Hafeneingang deutete. Dort lief gerade ein höchst ungewöhnliches Schiff ein.
Es war kleiner und schmaler als die Koggen, aber der augenfälligste Unterschied waren die drei Masten. Neben dem großen Mast mit Rahsegel, gab es einen hinteren Mast mit einem Dreieckssegel und am Bug ein weiteres Sprietsegel. Femke war sofort fasziniert. Die riesigen Koggen waren für sie reine Lastkähne. Ihre Segeleigenschaften hatten sie schon immer verächtlich betrachtet. Zu langsam, auf Wind von achtern angewiesen, ein Gut-Wetter-Schiff, das besser nicht in schwere See geriet. Was da jetzt kam, sah viel interessanter aus. Ganz automatisch rechnete die Seglerin in ihr sich die Möglichkeiten aus: wendig, fähig zu kreuzen, in der Lage, Wellen auszureiten, schlechtwetterfähig, schnell? Als das Schiff nun an ihr vorüberglitt, bemerkte sie zwei Dinge: Das Schiff war neu, dies mochte sogar seine erste Fahrt sein. Die Beplankung war glatt, die Planken Stoß an Stoß gesetzt, was dem Schiff weitere positive Eigenschaften verschaffen sollte. Die Segel wurden nun eingeholt, der Hafenmeister wies dem Schiff seinen Platz und die Anker fielen. Femke machte sich sofort auf den Weg. An Deck tauchte nun ein blonder, großer, junger Mann auf, der sich über die Reling beugte und ihr etwas zurief. „Was?“, rief Femke zurück. „Junge, ich brauche Hilfe beim Entladen, wenn wir trockenfallen. Wir haben Baumaterial. Und ich brauche zwei Matrosen für eine Testfahrt, nur ein Stück die Küste rauf und runter, ich habe hier zwei Idioten, die sich bei einer Prügelei verletzt haben und nicht mehr zu gebrauchen sind.“ Femke kam näher. „Das mit der Entladehilfe bekommen wir hin. Ich sage dem Lagermeister Bescheid. Matrosen zur Heuer? Nicht seit der Pest. Nicht dran zu denken. Kann ich an Bord kommen, damit wir nicht so brüllen müssen?“ Der Kapitän schaute kurz überrascht, dann winkte er Femke hoch. „Was ist das für ein Schiff?“ „Ziemlich neugierig, junger Mann. Und das Schiff hat noch keinen Namen. Ich habe die Pläne dafür gezeichnet und es bauen lassen. Die Leute oben im Norden bauen so ähnliche Schiffstypen. Sie können Lasten befördern, aber auch Menschen. Und vor allem können sie segeln.“ „Das glaube ich“, antwortete Femke. „Kannst du segeln, Junge?“ Femke nickte. „Möchtest du dir alles anschauen?“ Femke nickte noch einmal. Offensichtlich stellte sie auf dem Rundgang die richtigen Fragen. Der Kapitän war beeindruckt. „Was machst du eigentlich hier? Hast du eine Arbeit im Hafen?“ „Ich bin der Deichgänger.“ „Respekt. Erklärt, warum du so viel Ahnung hast. Sag mal, was denkst du von der nächsten Flut?“ Femke blickte noch einmal in den Himmel: „Zu früh, um es genau zu sagen, aber wenn es bei dem Nordwestwind bleibt, denke ich, dass es schweres Wetter geben wird.“ „Da denke ich auch. Hör zu, warum fährst du nicht mit? Wir entladen und segeln hinaus, so früh es geht. Und dann sehen wir mal, was das Baby hier kann. Nur ein Stück die Küste rauf und runter. Was denkst du?“ Femke wurde ganz heiß. Was für ein Abenteuer. Alles in ihr wollte am liebsten gleich hinaussegeln. „Der Deich ist in Gefahr“, sage sie stattdessen. „Und du hast es sicher gemeldet.“ „Mehrfach.“ „Und?“ „Keine Leute.“ „Aha. Und was kannst du nun persönlich tun?“ Femke schwieg. Der Kapitän betrachtete sie lange. „Wie heißt du eigentlich?“ „Kay.“ „Im Leben nicht. Sieh mich mal an.“ Femke hob die Augen und fand seine. Es schien ihr, als stünde sie bereits auf einem schwankenden Schiff, es war ihr, als rollten die Sturmwellen schon jetzt durch ihren Körper. Sie würde mit diesem Mann in einen Sturm segeln. Seite an Seite über die Wellen reiten mit ihm, sich dem Sturm hingeben und ihm. „Femke“, flüsterte sie. „Und du?“ „Ich heiße Levin.“ Er nahm ihre Hand, wie man die eines Kindes nimmt, führte sie an den Mund und küsste die Innenseite ihrer Handfläche, wobei seine Augen die ihren nicht einen Moment verließen.
Am nächsten Tag stahl Femke sich davon. Natürlich tat sie das. Sie liefen aus, sobald das Wasser hoch genug stand. Levins Mannschaft blickte erstaunt, machte sich aber schnell wieder an die Arbeit. Sie waren sowieso zu wenig Leute. Femke hatte Vaters Hosen angelassen, aber ihre beste Bluse aus dem Schrank geholt. Der Gegensatz war reizvoll, dachte Levin. Er holte Femke an seine Seite, war aber ebenfalls voll beschäftigt, bis sie ein gutes Stück von der Küste entfernt waren und mit hoher Geschwindigkeit vor dem Wind liefen. Der Wind hatte abgeflaut, aber die Flut kam in langen, hohen Wellen. „Dann wollen wir mal. Du musst bei den Segeln mit anfassen. Geh zum hinteren Mast und hör auf meine Befehle.
In der nächsten Stunde brachten sie das Schiff an seine Grenzen. Sie kreuzten und ritten die hohen, langen Wellen, bis das Schiff ächzte und stöhnte und zitterte. Aber es gehorchte. Der Himmel war dunkel geworden. Ein Gewitter zog auf. Blitze zerrissen die schwarzen, geballten Wolken. Regen setzte ein. Das Deck war nass und glitschig durch Gischt und Regen, die Mannschaft völlig durchnässt. Vor Femke türmte sich plötzlich eine Welle auf wie eine Wand aus Wasser. Sie war aus dem Nichts gekommen. „Mit ihr, nicht gegen sie“ flüsterte Femke zu sich. Aber der Kapitän hielt den Kurs. Es würde gleich zu spät sein. Femke überlegte nicht mehr, ihre Instinkte übernahmen. Sie schrie: „Mit ihr, nicht gegen sie!“ Levin sah zu ihr herüber und für einen Augenblick waren sie wie eins. „Hart backbord!“ brüllte er. Langsam drehte sich das Schiff in die Welle. Es krängte böse. Dann erreichten sie den Wellenkamm und es schien als würden sie für einen Moment in der Luft hängen. Dann ritten sie die Welle in einer Schussfahrt hinunter und Femke dachte, es müsse das Schiff zerreißen. Aber die glatte Schiffswand schnitt wie ein Pfeil durch das Wasser. Es war die letzte große Welle und Levin ließ die Segel trimmen, um der Mannschaft ein wenig Ruhe zu gönnen. Levin und Femke liefen aufeinander zu. Ihre Augen strahlten aus den erhitzten, nassen Gesichtern. „Das hast du toll gemacht“, rief Femke. „Und was für ein wundervolles Schiff du da gebaut hast.“ Ohne nachzudenken, warf sie sich in seine Arme. Er hielt sie fest. „Du hast uns gerettet! Du bist unglaublich.“
Später in der Kapitänskajüte erzählte Levin seine Geschichte. Er war der Sohn eines Schiffszimmermanns in Hamburg und hatte dieses Handwerk auch gelernt. Sein Vater war Meister in einer Werft, die hauptsächlich große Koggen baute, aber eben gelegentlich auch kleine, schnellere und wendige Boote für den Heringsfang. Sein Vater hatte der Tochter des reichen Reeders den Hof gemacht und der geachtete Zunftmeister hatte ihre Hand bekommen. Allein der Risikobereitschaft und Neugier dieses Reeders hatte Levin zu verdanken, dass es ihm möglich war, eine ganz eigene Idee weiterzuentwickeln.
Oft verteilten die Eigner heute wertvolle Fracht auf mehrere Schiffe, da man immer damit rechnen musste, die ein oder andere Kogge an das Meer zu verlieren. Levin träumte von einem Segler, der sicherer, schneller und seetauglicher wäre. So reiste er die Küsten entlang nach Norden und Westen und sah sich in kleinen und großen Werften um. Seinen Zeichenblock und die Notizbücher immer dabei. Zurück in Hamburg entwickelten sein Vater und er ein Schiff, das zwar nicht so viel Last tragen konnte wie eine Kogge, aber viel seetauglicher, sicherer und schneller war. Und sie durften es bauen. Während der Bauzeit lernte Levin bei den Kapitänen und Steuermännern der Hanse. Dann durfte Levin das Schiff testen. Da er Bericht erstatten musste, bat Levin Femke, auch ihre Eindrücke der Fahrt schriftlich festzuhalten. Und sie mit ihrem eigenen Namen zu unterschreiben.
Der Deich brach nicht in jener Nacht. Und Femke kam nicht nach Hause. Und Levin versprach, wiederzukommen. Tatsächlich versprach er sehr viel mehr, aber Femke war nicht dumm. Sie war wohl kaum die Richtige für diesen Schiffsbauer und Kapitän aus Hamburg. Und auch wenn sie mit ihm ginge – sie hatte mehr vor im Leben, als einem Mann das Haus zu führen. Als sie am frühen Morgen mit frischen Kleidern und glänzenden Augen in der Hafenschänke erschien, fragte ihre Mutter nicht. Und Femke bat nur um etwas Zeit. Sie setzte sich hin und verfasste ihren Bericht, bevor sie sich aufmachte, den Deich abzulaufen. Sie ging ins Detail. Beschrieb alles, was sie gesehen und gefühlt hatte, die Stärken und die Unsicherheiten des Schiffes. Sie beschrieb, was sie glaubte, dass die Ursachen für die ein oder andere Reaktion waren. Und gab offen zu, wenn sie keine Ahnung hatte. Sie endete mit einer wagemutigen Idee. Statt eines großen Rahsegels und eines kleinen Dreiecksegels, zwei Masten mit Rahsegel einzusetzen und den hinteren Mast mit dem Dreiecksegel höher und stabiler zu machen. Noch unbeholfen fügte sie eine grobe Zeichnung hinzu. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, als sie das niederschrieb, aber Levin musste es ja nicht abgeben. Sie drückte ihren Bericht einem von der Mannschaft in die Hand und machte sich auf ihren Weg zum Deich.
Femke wurde die nächste Zeit lang. Sie wusste nicht, was sie erwarten sollte, nicht einmal, was sie erhoffte. Wahrscheinlich würde einfach gar nichts passieren. Und sie würde die Erinnerung an den Tag und die Nacht in einem Schatzkästchen in ihrem Herzen einschließen und bewahren.
Inzwischen hatten Männer die gröbsten von Femke gemeldeten Schäden am Deich beseitigt. Für Feinheiten blieben weder Zeit noch Material. Es schien Femke manchmal, als würde sich die Gegend nie von der Pest erholen. Sie hatte versucht, ihren Bruder Kay einzuarbeiten, aber er kam nur alle paar Tage überhaupt aus dem Haus und war dann nicht wirklich interessiert an ihren Vorträgen. Femke träumte davon, fortzugehen und Lübeck oder Hamburg zu erobern. Aber sie wusste, dass sie als Frau allein keine Chance hatte.



Spannend!
Spannende Geschichte. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung