Raubzüge und ein neues Leben
Dann stieß sie eines Tages auf zwei Fischer aus Rungholt. Beide waren mit ihnen hinausgefahren und hatten es überstanden. Ihre Boote lagen am Strand. Sie erzählten ihr von einer Gruppe junger Männer, die sich um eine streitbare Familie namens Woge gruppiert hatte. Die Gruppe bestand ausschließlich aus Männern. Zornigen Männern, wütenden Männern, denen das Meer ihr ganzes Hab und Gut und die Familie genommen hatte. Sie wollten überleben. Sie versteckten sich in dieser neuen Landschaft, die niemand kannte, und verübten gemeinsam Raubzüge auf Gehöfte und enterten kleinere Handelsschiffe. Sie besaßen inzwischen eine kleine Flotte von Fischerbooten, und die verzweifelten Männer waren wehrhaft und zu allem bereit. Sie waren dabei, ein gut organisiertes System des Ausspionierens und schnellen Zuschlagens zu entwickeln. Nur wer bereit war, mit den anderen zusammenzuarbeiten und in der Gruppe alles zu teilen, durfte bleiben. Femke überlegte nicht lange. Sie schnitt sich ihr Haar stoppelkurz. Die Fischer verhalfen ihr zu einer markanten Narbe im Gesicht, was sie leichten Herzens und stoisch ertrug. Sie war inzwischen so dürr und verhärmt, dass man ihr den verhungerten Jungen problemlos abnahm. Sie konnte segeln und fischen und war an Bord so nützlich, dass sie nur selten zur Waffe greifen musste. Und sie war gut im Ausspionieren. Sie hatte Manieren, und konnte lesen und schreiben. Nun war sie wieder Kay. Kay war der Sohn eines Rungholter Kaufmannes, der – unterwegs in Geschäften – seine Familie in der großen Flut verloren hatte und nun bei seinem Husumer Onkel im Fischgeschäft arbeitete. Man konnte sie überall hinschicken, wenn es darum ging, Neues zu erfahren. Die Wogemänner waren schnell und geschickt und wurden zu einer Plage für die ohnehin durch Pest und Flut gebeutelte Region, die sich noch lange nicht erholt hatte.
Femke spielte ihre Rolle mit Hingabe. Sie sah nicht zurück. Niemals. Es hätte sie zerbrochen. Sie hielt sich in den Lagern möglichst fern von der lärmenden Gesellschaft. Sie hatten beim Plündern eines zu einer Kirche gehörenden Hauses Papier und Tinte gefunden. Die Männer hatten gelacht, als Kay die Sachen einsteckte. Femke begann, in Stichworten die Geschichten zu notieren, die Sagen und Legenden vom Meer und aus der Region, die die Männer manchmal am Feuer erzählten. Und sie erinnerte sich an die Geschichten der Seeleute aus der Hafentaverne. Oft spann sie die Geschichten weiter, erfand sie neu, verlegte sie an andere, fremdartige Orte voller Gold und Reichtum und zahlreicher Freuden. So floh sie in ihrer Fantasie aus dem Leben, das sie führte. Und so wurde sie zum Geschichtenerzähler der Wogemänner. Eine Position, die ihr Respekt und Freiraum einbrachte. Alles ging gut mit ihrem Versteckspiel, bis Torben auftauchte.
Aber an diesem denkwürdigen Tag geschahen noch viel mehr Dinge, die die Zukunft der Wogemänner bestimmen sollten. Sie waren zwei Tage gewandert zu einem Gehöft, das nach Kays Erzählung so viel Vieh auf den Weiden hatte, wie kein anderes in der Gegend. Sie waren darauf vorbereitet, mindestens zwei zerlegte Kühe und vielleicht auch lebendes Kleingetier zu transportieren. Sie waren allerdings nicht einmal in die Nähe der Weiden gekommen, als der Alarm begann. Die Weide vor der Kuhweide war von einer Herde Gänse belegt, in die sie hinein stolperten und ein Riesengeschrei auslösten. Aus dem noch fernen Gehöft schlugen in der Folge nun gleich mehrere Hunde an. Männerstimmen ertönten. „Wir gehen“, entschied der Carsten, der Anführer. Jeder griff sich wenigstens eine schreiende Gans, machte ihr den Garaus, und sie traten den Rückzug an. Zu ihrem Entsetzen erzitterte der Boden nun mit Hufgetrappel. „Verflucht, sie haben Pferde“, rief Kay. „Wir müssen uns trennen.“ Eine Bande recht zerzauster und sehr grimmiger Männer traf am Abend im Lager ein. Zwei hatten sie verloren.

An diesem Abend fiel die Entscheidung zur Trutzburg. Sie hatten schon eine Weile einen Lagerplatz im Auge, der auf einem Hügel lag, der weite Sicht bot und an der Meerseite einen kleinen Hafen für die Boote hatte. Sie hatten begonnen, einen Graben zu schaufeln, sodass der rund um den Hügel Schutz vor Angreifern bieten würde.
Die Wogemänner wurden sichtbar, die Zeit des Umherstreifens war vorbei. Die Beschaffung des Baumaterials war pure Seeräuberei. Handelsschiffe mit Holz- und Steinladungen wurden systematisch angegriffen, die Ladung in kleinere Boote umgeladen, das Schiff beschädigt, sodass es wenig später irgendwo strandete. Die Mannschaft mochte auf dem Schiff verbleiben oder sich den Wogemännern anschließen. Wer sich wehrte, ging über Bord. In wenigen Monaten entstand, nahe einer Siedlung, die Westerhever hieß, eine größtenteils hölzerne Trutzburg mit Aussichtsturm, Umzäunung und Zugbrücke. Im Inneren gab es einfache Unterkünfte, Kochstellen und einen Thingplatz, um zu diskutieren, Entscheidungen zu treffen und Kays Geschichten zu lauschen.
Aber zurück zu Torben. Torben war ein Hüne von Mann ohne Geschichte. Er erschien am Abend gegen die untergehende Sonne, als sei er direkt dem Meer entstiegen. An seinem Gürtel eine beeindruckende Sammlung von Beilen und Messern. Sein dunkles Haar zu einem Zopf geflochten. Er begehrte Einlass am halbfertigen Tor und brachte Informationen mit über eine Versammlung von Männern aus drei umliegenden Dörfern, die versuchen wollten, ein organisiertes Vorgehen gegen die Wogemänner auf die Beine zu stellen. Er durfte bleiben. Als Kay später am Thingplatz erschien, um zu erzählen, blickte Torben sie erstaunt an. Er ging zu ihr hinüber, stellte sich direkt vor sie auf und sah sie an. Er sah durch alle ihre Verkleidungen hindurch, durch all ihren nicht gelebten Schmerz, durch alle ihre falsch getroffenen Entscheidungen bis hindurch in die Augen der Braut und Seefahrerin, die mutig und lebenshungrig war. Und durch die sieben Schichten Traurigkeit in seinen Augen sah sie den Mann, der einst gesungen hatte bei der Arbeit und dessen Pläne und Leidenschaften weit hinauf gelodert hatten in den offenen Himmel. „Ich bin gespannt, was du zu erzählen hast.“ Er nickte ihr zu und Femke begann mit bebender Stimme eine Geschichte aus einem goldenen Königreich, in dem alle Männer und Frauen frei waren zu wählen, zu wachsen und zu entdecken.
Femke und Torben wussten, dass es auf Dauer keine Möglichkeit gab, unentdeckt zu bleiben. Sie arbeiteten nebeneinander am Graben oder den Außenanlagen und hatten die Möglichkeit, ein paar Worte zu wechseln. Sie achteten darauf, alsbald Dritte in ihr Gespräch einzubeziehen. Sie machten nach der Rückkehr in den Hafen die Boote klar. Torben führte Reparaturen durch. Wie sich herausgestellt hatte, war er Schiffszimmermann. Danach saßen sie am Anlegesteg und begannen schließlich, über eine Zukunft zu sprechen, über eine andere als diese hier. Die Männer begannen, ihnen Blicke zuzuwerfen. Also traten sie die Flucht nach vorn an. Femke kannte die Männer inzwischen gut. Sie wusste, dass sie ihnen viel zumuten würde, vertraute aber auf ihre gemeinsame Zeit. Statt vorzulesen trat sie also eines Abends in die Mitte des Kreises. Sie hob ihre Stimme: „Wogemänner! Habe ich euch gut gedient?“ Ein „Ie“ tönte aus vielen Kehlen. „Habe ich euch gute Geschichten gegeben?“ „Ie“, der Chor wuchs. „Habe ich alles mit euch gerecht geteilt?“ „Ie.“ „Habe ich hier unter euch echte Freunde gefunden?“ „Ie.“ Würdet ihr alle bedenkenlos mit mir segeln?“ „Ie.“ „Würdet ihr mir dafür eine einzige Lüge verzeihen?“ „Ie.“ Die Männer waren verwundert, aber Lügen war hier eine Überlebensstrategie, keiner, der sich ihrer nicht schon schuldig gemacht hätte. Ohne Scham zog Femke ihre Bluse hinunter. Torben stand auf und stellte sich schützend hinter sie. Die Reaktion war eine Mischung aus wütendem Protestgeschrei, rauem Gelächter, und überraschten Ausrufen. Femke zog ihre Bluse wieder hoch, lehnte sich an Torben und setzte sich einfach wieder auf ihren Platz. Carsten, ihr Anführer, stoppte die nicht enden wollende Diskussion: „Wir entscheiden darüber morgen früh als Erstes.“ Jetzt essen und trinken wir.“
Am nächsten Morgen hatten sich zwei Parteien gebildet. Die erste war dafür, Femke rauszuwerfen. Es war ein klarer Regelverstoß. Die zweite Partei, die stetig mehr Anhänger gewann, war nicht nur dafür, dass Femke bleiben durfte. Man war auf die Idee gekommen, dass man mehr Frauen brauchte. Und da man sie wohl kaum höflich einladen konnte, wollte man sie rauben. Femke fehlten die Worte. Aber niemand ließ sie zu Wort kommen. Carsten war überhaupt nicht angetan von der Idee. Gerade jetzt, wo Torben Kunde davon gebracht hatte, dass man begann, sich gegen sie zu verbünden, wäre das wohl genau das Falsche. Zugegeben, die Trutzburg verlieh ihnen eine gewisse Sicherheit. Aber ein oder sogar mehrere solcher Beutezüge würden sie ganz sicher in Gefahr bringen. Aber Carsten schien die Sache aus der Hand zu gleiten. Von der Idee begeistert, fingen bereits kleine Trupps an, die Sache zu planen. Widerstrebend gab Carsten schließlich einen Trupp frei, der in einem entfernteren Kirchspiel einige Frauen „einladen“ sollte.
Noch bevor der Morgen anbrach, stahlen sich Torben und Femke unbemerkt aus der Trutzburg. In all der Aufregung und Vorfreude war die Sache mit dem Wachenaufstellen untergegangen. Nur am Hafen bewachten einige Männer die Boote. Sie machten sich also zu Fuß auf den Weg.
Ihr Ziel war ein Ort aus Femkes Vergangenheit: Hamburg. Sie wollte Levins Eltern finden und über seinen Tod berichten. Und vielleicht gab es Arbeit für Torben im Hamburger Hafen. Sie hatten zwei Möglichkeiten. Zu Fuß über Land und ohne Geld mochte es viele Tage dauern. Wenn sie es überhaupt schafften. Oder sie gingen stattdessen nordwärts. Femke hatte gehört, dass Husum der neue Anlaufhafen für die Handelsschiffe war. Dort gab es vielleicht Arbeit. Und davon könnte man später eine Passage nach Hamburg kaufen. Da sich beide am Wasser wohler fühlten und die Wahrscheinlichkeit, ihre Fähigkeiten einzusetzen, in einem Hafen wohl am größten war, war die Entscheidung für Husum gefallen. Es waren immer noch viele heimatlose Menschen wie sie unterwegs. Aus Femke wurde wieder Kay. Das war sicherer auf Reisen. Bald wurden beide wieder vom Hunger geschüttelt. Femke tat das, was sie gelernt hatte. Sie stahl. Allerdings nicht mit Gewalt. Sondern mit Geschick. Nachts aus den Ställen und Scheunen der Gehöfte. Öfter als einmal entkamen sie den Hunden nur knapp. Tags klauten sie auf den Märkten, die sie fanden. Manchmal gab es ein paar Münzen fürs Anfassen, fürs Be- oder Entladen. Sie wuchsen zusammen, wie es nur Reisegefährten tun konnten. Sie schliefen miteinander, aber zwischen ihnen gab es keine Versprechungen, keine Träume, keine Pläne. Es gab nur dieses eine Ziel: einen Ort. Und das auch nur, weil sie kein anderes hatten. Hoffnung wäre schon gefährlich gewesen.
Es wurde belebter, je näher sie Husum kamen. Und sie sahen, dass ihre Entscheidung gut gewesen war. Husum wuchs. Dorf und Hafen entwickelten sich praktisch täglich weiter. Überall wurde gebaut und gehämmert. In den Schänken hingen Tafeln, auf denen Leute gesucht wurden. Femke entschied sich, für ein paar Tage in einer Schänke direkt am Hafen zu arbeiten und sich umzuhören. Torben wandte sich dem Hafen zu, der ein einziges Wirrwar aus Behelfsbauwerken und in Bau befindlichen Anlagen war. Lagerhäuser und Anlegestege entstanden. Nach einer Woche schliefen sie das erste Mal seit Ewigkeiten wieder auf einer Matratze und wuschen sich mit warmen Wasser. Sie brauchten dringend neue Kleidung. Es wäre dumm gewesen, hier nicht eine Weile zu bleiben.
Femke alias Kay bummelte mit frischer Kleidung und neuer, kecker Mütze durch den Hafen. Chaos herrschte. Rechts neben ihr tauchte ein halbfertiges Lagerhaus auf, die Hälfte vom Dach fehlte. Ein Mann, der der Verzweiflung nah schien, dirigierte Trupps mit Baumaterialien mal hier und mal dorthin, in der Hand eine Liste auf einem Buch und einen Stift. „Verzeihung. Brauchst du Unterstützung?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Arbeiter habe ich genug. Es sei denn, du kannst lesen und schreiben und ein Lagerhaus ohne Dach neu einrichten, während sie dich mit Ware zustellen“, antwortete er ärgerlich. „Kann ich machen.“ Femke strahlte ihn an. „Du spinnst doch, Junge!“ „Lass uns mal kurz dorthin gehen.“ Femke deutete auf ein winziges Pult. Dann nahm sie ihm sachte ein Blatt Papier und den Stift aus der Hand. „Wir teilen das Lager entlang eines Ganges rechts und links in Bereiche auf. Wir kennzeichnen sie mit Symbolen, die die Leute verstehen, wie Kreis, Kreuz, Dreieck usw. Die malen wir direkt an den Gang und ziehen farbige Striche.“ Sie malte das Konzept auf ein Blatt Papier und begann die Bereiche mit Symbolen zu füllen. „Und jetzt machen wir 10 Minuten Pause und zwei deiner cleversten Männer zeichnen das für dich hier auf den Boden. Hast du Kreide oder Farbe?“ Femke sah sich die Listen an, die der Mann in der Hand hielt. Sie waren sorgfältig geführt. Schiff, Ankunft, Warenposition, Menge, Eigner, Verkauft an, noch frei zum Verkauf, Warenwert. Sie hatte es nicht mit einem Dummkopf zu tun. „Werden Sie mich anständig bezahlen?“ Der Mann nickte heftig mit dem Kopf. „Ok. Sie nehmen die Ware an, kontrollieren sie und weisen den Platz zu. Sie sagen mir dabei an und ich schreibe. Ach so: Die Ware, die Regen verträgt, kommt selbstverständlich zu einem vergünstigten Preis in unser Außenlager.“ Sie grinste ihren neuen Arbeitgeber an. Femke hatte einen richtigen Job.
Torben tat sich schwerer. Zu gerne hätte er wieder als Schiffszimmermann gearbeitet. Aber es gab keine Werft. Natürlich nicht. Bis vor Kurzem hatte Husum noch tief im Inland gelegen. Es gab einen Bedarf an Schiffsreparaturen, aber Torben hatte weder Material noch die größeren Maschinen, die nötig waren. Also ging er zum Hafenmeister, erklärte, was er vorhatte, und fragte ihn nach einem vertrauenswürdigen Holzhändler. Der Hafenmeister war begeistert. Und der Holzhändler war ein unternehmungslustiger Mann. Er sah die Möglichkeiten, die in der Sache steckten. Sie verbrachten einen Tag damit, zusammenzustellen, was sie an Material und an Maschinen benötigen würden. Einen Großteil der Arbeit würde Torben vor Ort im Hafen erledigen. Das Holz würden sie von der Holzhandlung zum Hafen schaffen müssen. Außerdem brauchten sie Hanf und Pech zum Kalfatern. Dazu Nägel und Beschläge. Sie benötigten einen Platz zum Lagern und zum Arbeiten. Genau das, was gerade so knapp war im neuen Hafen. Sie gingen zurück zum Hafenmeister. Der schüttelte betrübt den Kopf. Hatte dann aber eine Idee. Vor der Flut hatten vor der Stadt Wiesen und Felder gelegen. Einer der Heuschober lag ganz nah am Hafen, war halbwegs intakt und war vor einer Weile wieder trocken gefallen, nachdem mehrere Fluten ihn immer wieder knapp erreicht hatten. Da der Besitzer damit nichts mehr anfangen konnte, hatte er den Schuppen dem Hafenmeister angeboten. Er würde ihn für wenig Geld verkaufen. Dann hatte der Hafenmeister noch eine Überraschung: Ein Segelmacher hatte sich bei ihm gemeldet, auf der Suche nach Arbeit.
Am Ende hatten sie zwar keine Werft, aber eine komplette Reparaturwerkstatt für Schiffe anzubieten. Ein Seiler aus dem Ort hatte sich bereit erklärt, seinen fast fertig ausgebildeten Gehilfen abzutreten. Torben würde die Kunden finden. Der Holzhändler finanzierte Gebäude und Maschinen. Alle würden nur für die Arbeit bezahlt, die hereinkam. Es war der Beginn eines Unternehmens, das über die Grenzen von Husum hinaus für sein Rundum-Angebot und seine gute Arbeit bekannt werden würde.
Femke und Torben mieteten ein Zimmer bei der Krämerwitwe über dem Laden. Sie träumten von einem kleinen Haus am Dorfrand oder in der Nähe des Hafens. Aber das musste noch warten. Sie aßen abends in der Hafenschänke, in der sich die meisten Seeleute trafen. Sie waren immer begierig, Neues zu erfahren. An diesem Abend erzählten einige Fischer von einem Staller, einem hohen Beamten, namens Owe Heringe aus Utholm, der das Land von einer großen Plage befreit habe. Er habe Leute aus drei Dörfern zusammengetrommelt und sei gegen die Wogemannsburg gezogen. Torben griff unter dem Tisch nach Femkes Hand und drückte sie fest.
„Hey, wie ist das ausgegangen?“, rief er zu dem Tisch hinüber. „Das soll ein ganz schönes Scharmützel gewesen sein. Die entführten Frauen haben des Stallers Leuten schließlich die Zugbrücke heruntergelassen. Sie haben sechzig Wogemänner gefangen und sie an Ort und Stelle geköpft. Die Festung wurde komplett niedergemacht, die Boote versenkt.“
Femke erstarrte. Sie hätten dabei sein können. Sie wären dabei gewesen, wenn die verrückte Idee mit den Frauen nicht aufgekommen wäre. Und das war ihre Schuld. Sie hatte die Regeln gebrochen und letzten Endes damit alles in Gang gesetzt. Sie hatte nie zurückgeschaut. Damals nicht, als sie alles und jeden verloren hatte. Und als es eine Frage des Überlebens war, sich den Wogemännern anzuschließen, niemals eine Frage von Recht oder Unrecht. Sie waren fortgegangen, weil sie das Unheil hatten kommen sehen. Und hatten nicht zurückgeschaut. Es waren Freunde dabei gewesen. „Kopflose Freunde“, dachte Femke und schrecklicherweise stieg ein Kichern ihrer Kehle empor. Sie weinte die ganze Nacht in Torbens Armen. Und sah dann niemals zurück.
Ihre Verkleidung als Kay hatte Femke schon nach vier Wochen endgültig aufgegeben. Ihr Chef hatte nur gelacht, er hatte sich bei der engen Zusammenarbeit längst gedacht. Und natürlich hatten sie das Zimmer als Paar gemietet. Und sie waren getraut worden, als Femke klar wurde, dass sie ein Kind erwartete. Aber eines stand noch auf ihrer Liste. Das einzige Ziel, das sie gehabt hatten: Hamburg. Torben war viel zu beschäftigt, aber ihr Chef hatte ein Einsehen gehabt. Und außerdem hatte Femke inzwischen zwei weitere Kräfte für das Lager eingearbeitet. Es hatte inzwischen ein komplettes Dach und einen neuen, vergünstigten Außenbereich. Die Idee hatte dem Eigener auch gefallen.
Femke fand eine günstige Passage auf einem Salzfrachter und hatte eine riesige Einkaufsliste dabei. Sie wusste nicht, wo Levins Eltern lebten, aber es war kein Problem, die Werft zu finden, und so stand sie ein paar Tage später mit klopfendem Herzen vor der Tür eines stattlichen Hauses in Hafennähe. Eine sorgfältig gekleidete und frisierte Frau mit strahlend blauen Augen öffnete ihr. Sie sah sie fragend an. „Ich bin Femke.“ Die Frau brauchte nicht einmal eine Sekunde, bevor ein Strahlen ihr Gesicht überzog. Sie wandte sich um: „Will, Will, schnell, schnell …“
Sie saßen lange zusammen an dem großen Tisch in der Wohnstube. Femke erzählte von der Nacht der Flut, wie sie und Levin Hand in Hand von Bord gesprungen waren und wie sie ihn und ihr ganzes Leben verloren hatte. Sie erzählte von dem Dach und dann erzählte sie nichts mehr. Und die beiden drängten sie nicht. Aber sie erzählte vom quicklebendigen Husum, von Torben, von ihrem Nachwuchs, von ihrer Arbeit und von Torbens Schiffsreparatur. Levins Vater war hochinteressiert. Eine Werkstatt nur für Schiffsreparaturen? Er sah seine Frau an. „Wir würden euch gerne besuchen kommen“, sagte er. Femke wand sich: „Wir können euch nicht empfangen. Wir leben noch in einem Zimmer über dem Krämerladen. Und in den Hafenschänken geht es recht ungestüm zu. Wir haben uns ein Häuschen mit Flutschäden angesehen. Wir könnten viel selbst machen und vielleicht können wir nächsten Monat endlich die Anzahlung machen.“ Will erhob sich: „Mach dir keine Gedanken, wir werden an Bord übernachten. Ich muss dir etwas zeigen.“ Sie wanderten hinunter zum Hafen, durch die Geschäfte mit Schiffsausrüstung und Werkzeug und durch die Handelshäuser. Er zeigte ihr, wo sie die Dinge von ihrer Liste beschaffen konnte. Sie sollte sie nur zurücklegen lassen. Er würde für den Transport zum Schiff sorgen, wenn sie eine passende Passage gefunden hatte. Und dann sah Femke das Schiff. Schlank und elegant, mit glänzenden Planken und mit vier Masten. Ein Bugspriet, ein Vormast mit einer kleinen Rahe, ein Großmast mit der Hauptrahe und ein hinterer Mast, der offensichtlich ein Dreieckssegel trug. Sie war viel kleiner als die Koggen, kaum ein Händler würde sie in Betracht ziehen. Aber sie besaß eine Eleganz und eine Schönheit, die ihr Seglerherz höher schlagen ließ. Und sie erkannte ihren eigenen Entwurf sehr wohl wieder. Als sie näher kamen, las sie den Namen am Bug: Femke II. „Wir segeln ein Stück die Elbe hinunter. Würde dir das gefallen?“ Will erzählte Femke, dass das Schiff hauptsächlich Passagiere entlang der Hanse-Handelsroute beförderte. Es würde so schnell kein zweites gebaut werden, aber sie arbeiteten daran, die Besegelung auch für größere Lastschiffe anzupassen. Das Schiff erregte Aufsehen, wo immer es anlegte. Torben musste das unbedingt sehen, dachte Femke. „Wir kommen damit nach Husum“, versprach Will.
Nach Hause zurückgekehrt, zeigte Will ihr Levins Studierzimmer. Sie hatten es nicht angerührt. Es war voll mit Unterlagen und Zeichnungen von Schiffen. Levin hatte sie auf seinen Reisen nach Erzählungen von Schiffsbauern, Fischern und Seeleuten angefertigt und die Sammlung enthielt Schiffstypen aus allen bekannten Regionen der Welt. Aber auch Fantasieschiffe und verrückte Versuche waren dabei. „Darf ich sie ansehen?“ Später am Abend brachte Levins Mutter ihr leise einen Teller mit Brot und Käse ins Zimmer und legte ein Kissen und eine Decke auf das einfache Bett.
Als Femke mit einer Schiffsladung voller Waren und Neuigkeiten nach Husum zurückkehrte, war ihr Herz sich ganz sicher, was es wollte. Femke würde sich ihren eigenen Kindheitstraum erfüllen und das tun, was sie am besten konnte – segeln. Sie würde Fischerin werden. Und Kapitänin eines eigenen Bootes. Torben würde es bauen. Und mit dem Segel hatte sie etwas ganz Besonderes vor.
Aber erst einmal brauchten sie für die wachsende Familie ein Dach über dem Kopf. Will hatte ihr genug Geld gegeben, um das kleine Haus zu kaufen. Es sei ihr fairer Anteil an der Konstruktion der Femke II. Und außerdem hatten Levins Eltern darauf bestanden, Paten für ihr Kind zu werden, wenn es auch Torben recht wäre. Von nun an waren sie jede freie Minute am Werkeln, um das kleine Haus zu einem Schmuckstück zu machen.
Femke schrieb jeden Monat einen Brief nach Hamburg und Will oder Rosa schrieben immer zurück. Als ihr kleiner Junge auf die Welt kam, gaben sie ihm den Namen Willem. Und Femke bekam zu seiner Geburt das schönste Wrack ihres Lebens. Ein Fischer hatte es zur Reparatur zu Torben gebracht. Sein Sohn war damit im Sturm auf Grund gelaufen und der Fels hatte den Rumpf erheblich beschädigt. Der Wind hatte das Boot so lange hin und her geworfen, bis der Mast brach. Nur weil der Fels das Schiff festhielt, sank es nicht. Um es zu bergen, hatten sie den Mast komplett abgebaut, die Löcher im Rumpf von innen so gut wie möglich abgedichtet und das Boot bei der nächsten Flut mit drei Ruderbooten vorsichtig vom Fels gezogen. Es nahm dennoch so viel Wasser, dass drei Mann ständig am Schöpfen waren, bis sie Husum nach einer anstrengenden Bergung endlich erreichten. Der Mann war gar nicht glücklich, als Torben ihm vorrechnete, was die Reparatur kosten würde. Torben schlug ihm vor, ihm das Boot stattdessen abzukaufen. Das Boot hatte einige Vorzüge. Es war stabil gebaut, hatte ein Heckruder und ein halbes Deck. Torben beabsichtigte, das Deck auszubauen und nur zwei verschließbare Luken für die Ladung zu lassen. Zum Thema Mast und Segel hatte seine Frau ganz eigene Vorstellungen. Bis sie so weit waren, hätte Torben auch gerne einmal mit Will gesprochen, der auch dringend seinen Patensohn kennenlernen sollte.
Femke hatte ihren Job aufgegeben, um sich ihrem neuen Vorhaben zu widmen. Sie musste die hiesige Fischergemeinde kennenlernen, sich über die Fang- und Verkaufsmöglichkeiten informieren, und sie wollte sich gerne die Fischerboote ansehen, die hier anlandeten. Wenn Torben abends heimkam und Willem übernahm, dann arbeitete Femke wieder in ihrer Lieblingsschänke. Sie benötigten jeden Pfennig als Investition in Femkes neues Geschäft. Femke hatte es sich genau überlegt. Sie wollte ein kleines, sicheres Zusatzeinkommen. Sie wollte ein Boot, das sie zur Not auch alleine segeln konnte. Sie wusste, dass sie für die Arbeit mit den Netzen mindestens eine weitere Kraft brauchen würde. Sie wollte ein Langnetz für Hering und eine Langleine für den Kabeljau. Sie wollte im Hafen verkaufen und sich nicht selbst mit dem Ausnehmen und Einsalzen beschäftigen. Das war zumindest ihre Vorstellung, bevor sie Dorrie begegnete.
Sie lernte Dorrie in der Schänke kennen. Dorrie war eine Naturgewalt. Kräftig gebaut und sanft gerundet, mit einer Frohnatur und einer nicht überhörbaren Stimme. Die Herrin der Taverne, der Albtraum jedes Raufbolds und eine unerschöpfliche Quelle zotiger Lieder. Die Sympathie der Frauen war spontan und gegenseitig. So saßen sie häufig nach dem Aufräumen zusammen und redeten. Dorries Familie hatte ein kleines, aber ertragreiches Fischereigeschäft besessen. Ein Boot, auf dem Vater und Bruder arbeiteten, und direkt neben der Kirche des kleinen Ortes ein Fischgeschäft, das ihre Mutter aufgebaut hatte. Sie kümmerte sich selbst um einen Teil des Fangs. Sie verkaufte den Fisch frisch, eingelegt in aromatischen Kräutersud. Oder haltbar gemacht in gewürztem Salz.

Oder filetiert und fertig gewürzt für die Pfanne. Ihr Angebot war im ganzen Kirchspiel bekannt und die vielen Fastentage ließen ihr Geschäft blühen. Dorrie stand kurz vor einer späten Heirat mit einem Nachbarssohn, als die Flut hereinbrach. Ihre Familie ging in den Fluten unter. Das höher gelegene Nachbarsgehöft wurde überflutet, fiel aber wieder trocken. Dorrie überlebte dort, nur um zu erleben, wie die Familie und ihr Bräutigam die Sachen packten und zu wohlhabenden Verwandten nach Lübeck reisten. Niemand fragte sie, ob sie mitkommen wollte. Dorrie driftete durch das zerstörte Land wie Femke, traf aber viel früher in Husum ein. Ihr Instinkt riet ihr, es hier zu versuchen. Sie war eine Bereicherung für die neuen Schänken, die bald aus dem Boden schossen. Aber sie war unruhig. Sie wollte nicht in einer Taverne alt werden. Und plötzlich war da in Femkes Plänen der perfekte Platz für sie. „Ich helfe dir fischen und du hilfst mir, einen Marktstand zu gründen. Wir fischen zwei Tage, du verkaufst einen Teil des Fangs am dritten Tag, während ich einen Teil des Fangs für unseren Verkauf vorbereite. Am vierten Tag verkaufen wir auf dem Markt. Was wir nicht verkaufen, geht günstig an die Schänken. Dann gehen wir wieder fischen … Das machen wir so lange, bis wir unseren ganzen Fang auf dem Markt verkaufen können. Und wir werden reich!“ Femke lachte. Das war ihr Ding. Sie hatte eine Partnerin gefunden. Und es hatte für sie einen Vorteil, der ihr Herz hüpfen ließ. Sie konnte Willem viel öfter bei sich haben, als geplant, und musste ihn nicht so lange einer Kinderfrau überlassen.
Als Will und Rosa kamen, hatten sie viel zu erzählen. Und sie konnten es in ihrer eigenen Wohnstube tun. Am ersten Abend bereitete Dorrie in der Küche ein Festmahl aus Fisch. Und sie saß mit am Tisch, als sie Femkes Pläne besprachen. Am nächsten Tag trafen sich Torben und Will mit den Geschäftspartnern der Schiffswerkstatt. Der Kauf eines Stücks Strand wurde geplant, um Schiffe für die Reparaturen trocken fallen zu lassen. Will unterschrieb dafür die Urkunde und zahlte, um dann das Land in einer weiteren Urkunde nach seinem Tode seinem Patensohn Willem zu vererben. Am letzten Abend saßen Will, Torben und Femke über ihren Konstruktionszeichnungen für ein Segel. Sie hatte es nach dem Studium von Levins Zeichnungen von Schiffen weltweit konzipiert.
Sie hielt das Segel für perfekt für ein kleineres, hochseetaugliches Boot, das kreuzen konnte und dennoch wenig Mannschaft gebrauchte. Ihr Segel war ein viereckiges Segel an einem schräg stehenden Rundholz. Dieses Rundholz war nicht mittig, sondern leicht seitlich versetzt am Mast befestigt. Will fing sofort Feuer: „Wenn du das segeln kannst und es dir so gehorcht, wie du es erwartest, bauen wir so etwas auch.“
Femke hatte Jahrzehnte vor der Zeit ein Luggersegel konstruiert. Sie wurde dafür nicht berühmt, auch wenn sie damit Aufmerksamkeit erregte und einige wenige Fischer es ihr nachtaten. Aber in den Wogen der Zeit verlor sich die Erfindung, um erst viel später wieder aufzutauchen. Aber sie wurde die erste Kapitänin und Fischerin, von der man jemals gehört hatte. Auch Torbens Konzept ging auf und Dorrit gründete nicht nur ein Fischgeschäft, sondern auch eine eigene Schänke, in der zotige Lieder nichts zu suchen hatten. Willem, der auf Mutters Boot und in Vaters Werkstatt groß geworden war, tat, was Kinder so gerne tun. Er enttäuschte seine Eltern. Er wurde Lehrer an einer der ersten öffentlichen Schule. Und er schrieb ein Buch für Kinder der Schule und las ihnen daraus vor: all die Geschichten über die See, ihre Geheimnisse und die goldenen, fremden Länder hinter dem Horizont, die er von seiner Mutter gehört hatte, deren Vergangenheit als Seeräuberin immer ein Geheimnis bleiben sollte.
Nachträgliche Betrachtung: Die Story finde ich in Ordnung. Sie orientiert sich an der Realität (Pest, Flut. Wogemänner, Husum) und ist trotzdem ungewöhnlich durch die weibliche Hauptakteurin. In dem Bemühen, die Verhältnisse richtig zu beschreiben, sind die emotionalen Aspekte etwas untergegangen. Ausführlichere Beschreibungen von Ängsten, Zweifeln, Tränen, Freuden, ein paar goldene Sonnenuntergänge, etwas mehr Spannung und dadurch ein Drittel mehr Länge stehen zur Überarbeitung an.
Vorschläge werden von meinen Leser und Rezensenten gerne entgegen genommen. 🙂



In der Kürze liegt die Würze! Die Geschichte braucht keine Beschreibung emotionaler Zustände oder Sonnenuntergänge. Sie ist packend geschrieben, voller interessanter Details (aber nicht detailbesessen), nur einige der Personen könnten noch etwas herausgearbeitet werden.