Es war einmal ein Café

Das war anders als alle anderen Cafés. Es war ein Zuhause – und manchmal war es ein Abenteuer.

Es existierte zu meiner Studentenzeit. Etwas entfernt vom Trubel, in einer Wohnstraße, an einer Ecke. Ich fand es durch Zufall, weil ich gerne zu Fuß ging. Es hatte zwei große Fenster, als wäre es einmal ein Laden gewesen, der prächtige Dinge vorzuzeigen hatte. Jetzt sah man auf einen Haufen hölzernener Tische verschiedener Größe und ein Sammelsurium aus Stühlen, von denen keiner dem anderen glich. Auf den breiten Fensterbrettern lagen Zeitungen, manche mit dem Datum vom aktuellen Tag, mehr mit dem der letzten Woche. Ab und zu auch ein „Spiegel“ oder ein alter „Playboy“ mit verunstalteter Titelseite.

Der Boden des Cafés war aus Holz und er quietschte und knarrte beim Betreten. Vorbei an einem etwas ramponierten Tresen ging es in einen Hinterhof. In einen wilden Garten mit einer noch wilderen Sammlung an Mobiliar als im Innenraum. Es gab sogar eine alte Hollywoodschaukel. Das kleine Terrassendach war gelb gedunkelt, wahrscheinlich vom Zigarettenrauch der dsikutierenden Studenten unter dem kargen Regen- oder Sonnenschutz – je nach Wetterlage. Ansonsten gab es Brauereischirme der verschiedensten Marken, keiner davon wirklich neu. Aber es gab Kübel voller Mohn und Rosen und Weinpflanzen an Rankgittern, die die Backsteinmauern zu den Hintergärten der anderen alten Häuser verschönten. Ein einsamer kleiner Jungbaum kämpfte tapfer um sein Überleben. Decken und Kissen lagen in Stapeln am Eingang zum Hof.

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Im Inneren gab es auch noch ein Bücherregal. Mit vergessenen oder zu Ende gelesenen Büchern. Ich erinnere mich, dass auf einem ein Klebezettel prangte, der verkündete: „Wer Schwachsinn liebt, dem geht hier einer ab.“ Bei einem anderen ragten Dutzende von Klebezetteln aus den Seiten. Es war ein „Griechische Inseln für einen Dollar pro Tag“ (oder so) Reiseführer, in dem jemand liebevoll die schönsten Sonnenuntergangsarenen markiert hatte.

Immer gab es eine große schwarze Tafel mit den Gerichten des Tages. Und es waren immer sechs oder sieben. Vielleicht, weil mehr auf der Tafel nicht Platz hatten. Jeden Tag gab es Neues. Und es gab immer Frühstück. Viele Sorten Frühstück. Die gab es immer, auch nachmittags um fünf. Alle Heißgetränke wurden ausnahmslos in großen, bunten Bechern serviert, die so ungefähr 0,3 – 0,4 l Inhalt hatten. Die meisten Teller hätten aus dem Schrank meiner Großmutter stammen können und es gab schweres Besteck, das immer irgendwie zu groß war. Lücken im Besteck- und Geschirrbestand wurden bei IKEA aufgefüllt.

Das Getränk der Zeit war Kaffee, aber auch Teewurde liebevoll serviert, keine Beutel. Es gab auch einen Wein, einen weißen und einen roten. Prosecco war noch nicht „in“, die Schnapsauswahl eher zufällig. Einmal fragte jemand nach einer Weinkarte, was einen kleinen Aufruhr verursachte. Aber schließlich wurde ein eingeschweißtes Blatt Papier präsentiert. Und als der ausgewählte Wein kam, hatte die Bedienung sich eine kleine weiße Schürze umgebunden und ein Laguiolle Messer in der Hand. Nein, niemand hat gelacht.

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Hierhin kam man, um zu bleiben. Eine gute Weile. Viele saßen allein, wie ich damals – ich war ein Wochenendheimfahrer. Es wurde in großer Runde diskutiert, Freundinnen trafen sich und ab und zu spielte jemand Geige.

Der Besitzer war offensichtlich ein Fan alter Druckwerke. Die Deko bestand aus alte Plakaten, Zeitungstitelseiten besonderer Ereignisse, gerahmt und unter Glas. Auf Regalen, die rund um die Wände liefen, fanden sich Teile alter Druckstöcke, Setzkästen, alte Bücher mit wunderschönen Rücken. Aber auch Kaffeekannen, Jubiläumsgläser verziert mit Ranken, Blüten und Jahreszahlen, silberne Blumenvasen, schwarz angelaufen und eine bunte Serie von mehr oder weniger alten Kaffee- und Teedosen.

Ich habe in diesem Café viele Bücher gelesen, manche auch dort gelassen. Ich habe Menschen studiert und manchmal ein paar Worte mit ihnen gewechselt. Es war ein Ort, um einfach zu existieren. Es gab nichts, was man hätte tun müssen. Die Welt wurde nicht von hier aus revolutioniert, sie wurde nur zusammen gehalten, damit sie nicht zerbrach.

Um 19.00 Uhr schloss das Café und wenn man sich dann auf dem Bürgersteig wiederfand, war es, als müsse man sich erst neu orientieren. Der Einsamkeit, der Kälte, der Dunkelheit oder dem fernen Verkehrslärm entgegen stellen, ja nachdem, was vorherrschend war.

Ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern. Vielleicht hieß es „Zur Ziege“ oder etwas ähnlich Abstruses für ein Café. Es stand auf einem handgemalten Holzschild über dem Eingang.

Meine neue Bilderserie habe ich diesem Café gewidmet.

Heute gibt es „Coffee to go“. Allein in den Studentenstädten haben sich ähnliche Cafés gehalten. Viele wurden schnell wieder geschlossen. In einer Fußgängerzone kann man nicht leben von Laptop fixierten Typen, die stundenlang an ihrem Kaffee nippen und denen die Deko eh egal ist. Und doch gibt es solche Cafés noch. Und es werden mehr. Vielleicht mit etwas mehr Anspruch, etwa mehr Glamour. Bei vielen wächst die Sehnsucht nach einem Kaffeehaus, in dem die Zeit für eine Weile langsamer läuft und das Draußen für einen Moment draußen bleibt.

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