Neve und die Musik des Meeres

Neve liebt das Meer. Ihr scheint es, dass dass sie zu einem Teil von ihm geworden ist in all den Jahren, seit sie an seinen Rändern entlangstreift und sein Wasser nach ihren Füßen greift. Neve ist grau wie das Meer in diesen Breiten. Und so durchsichtig, dass man seine Wellen durch sie hindurch erahnen kann. Blass mit langem Flachshaar, dass sie einfach über eine Schulter wirft. Einzig ein paar verlorene irische Gene haben sie mit blassroten Sommersprossen auf Nase und Wangen beschenkt.

Sie wohnt im letzten Haus unten am Hafen, ganz nahe der kleinen Bucht, die den einzigen Sandstrand der Insel birgt. Von da an geht die Küste in grasbewachsenes flaches Dünenland über mit vielen kleinen seewassergefüllten Tümpeln, die nach der Flut so einiges an Getier bergen.

Hier sammelt sie Muscheln und Steine und seltsame Tanggebilde und trocknet alles auf ihrer Gartenmauer, die das ganze Häuschen umgibt. Da finden sich auch Treibholz und rostige Teile längst vergessener Boote und alte Reusen und Netze und ein alter gelber Gummistiefel, den sie mit wilden Blumen bepflanzt hat. Ihre kleinen Gartenbeete bestehen aus sich ständig wandelnden Bildern gemalt aus all diesem Strandgut – unterbrochen hier und da durch einen Büschel Dünengras und ein paar wilden Gänseblümchen oder Kamille.

Rund um ihr Haus hängen Windspiele aus Treibholz, Muscheln und Möwenfedern. Sie begleiten sie mit ihrem nie endenden Klingeln, Klacken und Schnalzen, wenn Neve mit ihrer leisen Feenstimme klagende gälische Lieder singt. So hört sich wahrlich die Musik des Meeres an.

Heute bringt Neve seltsame Funde nach Hause. Sie findet eine Christbaumkugel, so eine feine geblasene, eine hauchdünne zarte Angelegenheit. Und sie ist scheinbar unversehrt! Ein wenig Fingernagelkratzen fördert unter der Seesalzkruste sogar einen Glanz zu Tage. Und gleich daneben findet sie die Knochen. Sauber gewaschen, meerweiß. Kleine Knochen, wie von einer Hand. In verschiedenen Größen, gleich acht Stück davon. Sie wird gleich daheim nachschlagen, was für welche das sind.

Nachträglich betrachtet hatte ihre völlig verrückte Übersprunghandlung dann doch etwas Gutes für sich. Als es galt, zu entscheiden, was sie mit auf die Insel nehmen wollte, als der letzte Dampfer fuhr, hatte sie doch tatsächlich eine mehrbändige Ausgabe der Encyclopedia Britannica in den Koffer gestopft und wäre durch die Schlepperei fast zu spät gekommen. Jetzt zählen die Bücher zu ihren größten Schätzen. So sitzt sie auf ihrer Mauer gleich neben dem Törchen in der Nachmittagssonne: die Encyclopedia Britannica auf dem einen Knie und weißgescheuerte Knochen einer Menschenhand auf dem anderen Knie und summt leise vor sich in.

In der Ferne draußen über dem Meer braut sich ein Sturm zusammen.

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