Die Feier am Kreis

Sie lassen die Erwachsenen gut zehn Minuten suchen bis Joshua, von einem auf den anderen Fuß tanzend wie ein kleiner Kobold, ihnen endlich den Durchgang zum Tal zeigt. Und alle sind beeindruckt. Das kleine Tal ist lieblich mit seinem Flüsschen und den beiden Wasserfällen, mit dem saftig grünen Wald. Die Kinder führen die Großen hinunter zu dem seltsamen gelben Gras am Fluss und gehen dann flussaufwärts den Fällen entgegen.

Liam zupft an Struadhs Ärmel und bedeutet ihm zurück zu bleiben. Sie biegen ab und gehen jetzt dem Wald entgegen. Schon von Ferne sieht Liam die Hirsche am Waldrand. Struadh hat sie auch gesehen. Sie überqueren eines der Geröllfelder und treten dann unter die Bäume. Das Unterholz ist dicht und sie hören und sehen aus den Augenwinkeln überall die Hirsche vor ihnen davon stieben. Liam sieht Struadh an und öffnete und schliesst mehrfach seine Hände, um zehn Finger zu zeigen. Und noch ein paar Mal. Aber Struadh hatte längst verstanden. Es gibt hier viel zu viel Wild. Ohne natürliche Feinde, eingekesselt in dieses Tal, ist die Anzahl dieser Tiere ständig angestiegen. Dabei nehmen Gesundheit und Robustheit der Hirsche ständig ab. Im Wald gibt es zu wenig gesunde junge Bäume, das Gras ist im Laufe der Zeit zu etwas Ungenießbarem mutiert – die Natur wehrt sich. Struadh nickt Liam zu. Sie wenden sich wieder in Richtung der Wasserfälle. Vor ihnen kreuzt eine kleine Gruppe Hirsche, von denen eines ständig mit dem Hinterbein wegknickt. Dann verheddert sich das Tier sich im Brombeergestrüpp. Struadh nimmt sein Gewehr von der Schulter und sieht Liam fragend an. Liam nickt nach kurzem Zögern und nimmt das Gewehr. Er inspiziert es kurz, dann spannt er leise den Hahn. Das tut er nicht zum ersten Mal. Er visiert das zappelnde Tier an, dann schüttelt er den Kopf und reicht das Gewehr Struadh. Der zögert nicht und ein einziger Schuss tötet das Tier.

Liam hilft, das Tier auszuweiden und aus der Decke zu schlagen. Sie vergraben alles nicht Essbare. Nun muss das Fleisch transportiert werden und auch die Decke wollen sie nicht zurück lassen. Sie machen eine Pause. Ein gutes Stück Arbeit liegt noch vor ihnen.

Inzwischen stehen die anderen in mitten des Steinkreises. Die Kinder haben ihnen die alte Lagerstatt gezeigt und dort haben sie sich ausgebreitet. Alle wollen den Steinkreis sehen, bevor es ans Feuer machen geht. Eine stumme Ehrfurcht breitet sich aus als sie die großen grauen Steine betrachten. „Wollen wir ihn in Ordnung bringen?“ fragt Callum. Die anderen nicken. So beginnen sie kleine Büsche und Unkraut rund um die Steine auszureißen und die versunkenen etwas auszugraben. Sie schaffen Sand vom Fluß herauf und umgeben die Steine mit einem Kreis aus Sand. Auch den Stein im Mittelpunkt legen sie frei, obwohl alle bezweifeln, dass er noch an seiner Stelle liegt. Auch im Kreisinnern graben sie das Buschwerk aus, lassen Gräser und Kräuter aber stehen. Dann sind sie zufrieden. Sie wollen heute Nacht zurück kommen, wenn die Sterne am Himmel stehen.

Alle helfen mit Feuerholz zu sammeln und ein Lager aufzubauen. Das Gras ist trocken und die Erde noch warm von der Sonne des Tages. Während sie einen Moment ruhen und still rund ums Feuer sitzen, erreichen Straudh und Liam den Lagerplatz. Sie sehen erschöpft aus, aber ihre Gesichter strahlen. An einer Tragestange baumelt die erlegte und bereits aus der Decke geschlagenen Hindin.
Was für ein Fest! Keiner – bis auf Struadh und die Zwillinge natürlich – kann sich erinnern, wann er zum letzten Mal Wildfleisch gekostet hat. Struadh ist Meister im Zerlegen und Zubereiten, aber er möchte vor allem retten und konservieren, was sie heute nicht essen können.
Bis sich Teile des Wildes also auf dem Spieß über dem Feuer drehen, dauert es eine Weile. Die vertreibt man sich mit Gemüsepasteten, Glut-Kartoffeln, Lachs und Käse.

So muss perfektes Glück aussehen. Eine Familie zu haben, genug und gut zu essen und ein magisches Zuhause gefunden zu haben. Den Kindern werden die Köpfe schwer. Die Großen betten Köpfe auf ihren Schößen und müde Körper auf die Schlafdecken rund um das Feuer. Pal und Neve beginnen leise zu singen.

Über ihnen gehen die Sterne auf. Einer nach dem anderen. Galaxie auf Galaxie. Sternenhaufen. Blinkende Einzelgänger. Vermischt mit den himmelwärts stiebenden Funken des Feuers. Neve wechselt zu uralten keltischen Gesängen, atonal, mystisch, atemberaubend.

Als sie Katy weckt, sie an die Hand nimmt und singend zu dem Steinkreis hinüber wandert, folgen ihr alle. Sie stellt sich auf den Mittenstein und bringt die Arme über den Kopf. Ihre Stimme hallt zum Himmel empor. Sie singt eine einzelne einfache Tonfolge: „beannaich ar coimhearsnachd“. Pal fällt ein. Und dann die anderen. Sie wiederholen es. Ein jeder schickt seine Sehnsucht gen Himmel. Aber immer wieder: Segne unsere Gemeinschaft, beannaich ar coimhearsnachd. Über ihnen verglüht ein Stern.

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